Bundeskanzler Friedrich Merz bei einem Interview, nachdenklich und ernst
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PolitikKanzler im Interview

Merz beklagt massive Anfeindungen im Netz

Bundeskanzler Friedrich Merz spricht offen über Hass und Herabwürdigung in den Sozialen Medien. Kein Vorgänger habe Ähnliches erlebt, sagt er – und zeigt sich zugleich selbstkritisch zu seiner Wortwahl. Die Zustimmungswerte des Kanzlers stürzen ab.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat in einem Interview mit dem SPIEGEL über die massiven Anfeindungen geklagt, die er in den Sozialen Medien erlebt. „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen“, sagte er wörtlich.

Wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde – kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.
Friedrich Merz im SPIEGEL-Gespräch

Merz ist nach eigenen Angaben nur gelegentlich in den Sozialen Medien unterwegs. Dennoch sieht er die Angriffe gegen ihn als beispiellos an. Er wolle sich nicht beschweren, betonte der Kanzler – es sei aber schlicht eine Tatsache.

Zustimmungswerte im freien Fall

Die Kritik kommt nicht von ungefähr. Eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt: Nur noch 15 Prozent der Befragten sind mit Merz zufrieden, 83 Prozent unzufrieden. Der Kanzler führt eine schwarz-rote Koalition seit einem Jahr – und die Werte stürzen ab.

Merz selbst zieht daraus Konsequenzen. Er denkt über seine Wortwahl nach und räumt ein: „Ich kann da in der Tat noch besser werden.“ Die Öffentlichkeit sei hypernervös und lasse sich leicht triggern. Gleichzeitig wolle er sich nicht verbiegen.

Offener Stil und Reformdruck

Der Kanzler bleibt bei seinem Naturell: Er spreche aus, was er für richtig halte, und nehme kontroverse Debatten in Kauf. Das gelte auch für Themen wie Migration oder das Stadtbild – Aussagen, die ihm viel Kritik eingebracht hatten.

In der Rentenpolitik signalisiert Merz Kompromissbereitschaft. Er unterstützt den Vorschlag von Arbeitsministerin Bärbel Bas, künftig stärker auf Beitragsjahre statt Lebensalter zu setzen. Merz hatte die gesetzliche Rente bereits früher als Basisabsicherung bezeichnet – jetzt wartet er auf den Bericht der Rentenkommission Ende Juni.

Auch bei der Steuerreform 2027 zeigt er sich offen: Eine Anhebung des Spitzensteuersatzes auf 47,5 Prozent und die Abschaffung des Solidaritätszuschlags seien denkbar. Das Bundesverfassungsgericht könnte ohnehin dazu zwingen.

Koalition unter Druck – Merz appelliert an SPD

Innerhalb der Koalition gibt es Spannungen, etwa zwischen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD). Merz appelliert an die SPD, an ihre wirtschaftspolitische Tradition von Schmidt und Schröder anzuknüpfen – statt nach links zu rücken.

Trotz aller Belastungen bleibt Merz bei seiner Linie: Deutschland brauche umfassende Reformen. „Wir können nicht einfach so weitermachen wie in den letzten 20 Jahren.“ Ob die Bürger das mittragen, hängt auch davon ab, wie der Kanzler seine Botschaft künftig vermittelt.

Merz erwähnte im Gespräch auch private Belastungen – etwa die regelmäßigen Besuche bei seinen Eltern im Pflegeheim. Die Arbeit als Kanzler fordert ihren Preis, auch persönlich.

Ob die Selbstkritik des Kanzlers reicht, um die Stimmung zu drehen, bleibt offen. Die nächste große Bewährungsprobe ist die Rentenkommission im Juni. Bis dahin dürfte die Debatte über seinen Führungsstil und den Umgang mit Kritik weitergehen.

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