Sibel Kekilli spricht über »sadistische Gewalt« in ihrer Familie
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Familiäre Gewalt

Sibel Kekilli spricht über »sadistische Gewalt« in ihrer Familie

Die Schauspielerin schildert erstmals, wie sie unter ihrem Vater litt und jahrelang in Todesangst lebte. Ein Vermittlungsversuch von Ex-Bundespräsident Christian Wulff scheiterte.

Das Schweigen gebrochen

Jahrelang hat sie geschwiegen, aus Scham und Angst. Jetzt spricht Sibel Kekilli erstmals offen über das, was sie als Kind und Jugendliche in ihrer Familie erlebt hat: »Es gab psychische Gewalt und physische Gewalt. Ich hatte immer Angst um mein Leben«, sagt die 45-jährige Schauspielerin im Interview mit der ZEIT.

Ich hatte immer Angst um mein Leben. Es gab psychische Gewalt und physische Gewalt.
Sibel Kekilli
Sadistische Gewalt, würde man sagen, Gift. In mich wurde viel Gift geschüttet.
Sibel Kekilli

Kekilli, bekannt aus Filmen wie »Gegen die Wand« und der Serie »Game of Thrones«, beschreibt die Gewalt als Teil eines Systems, in dem Opfer als schwach galten und Hilfe ausblieb. Dass sie heute darüber spricht, sei ein langer Prozess gewesen – auch deshalb, weil ihr als Opfer nicht geglaubt wurde.

Todesangst und die Furcht vor Verschleppung

Schon als Dreijährige wurde Kekilli Zeugin, wie eine Großcousine im Familienkreis verprügelt wurde, weil sie einen Freund hatte. »Die Frauen der Familie standen dabei und sahen zu«, erinnert sich Kekilli. Diese Szenen prägten ihre Kindheit. Gewalt war Teil der Erziehung, und Widerstand wurde mit noch mehr Gewalt bestraft.

Mit 18 hatte Kekilli einen deutschen Freund – heimlich. Als ihre Eltern davon erfuhren, verschärfte sich die Kontrolle. »Ich hatte Angst, in die Türkei verschleppt zu werden. Damals hatte ich noch keinen deutschen Pass, mein türkischer war immer zu Hause versteckt«, sagt sie. Der spätere Erhalt des deutschen Passes war für sie ein Akt der Befreiung: »Das war meine Sicherheit. Ich wusste, ich kann nicht mehr verschleppt werden.«

Und wenn du mit psychischer Gewalt aufwächst, dann kannst du nicht einfach mit achtzehn durch die Tür gehen und sagen: Tschüss! Du bist im Kopf gefangen, du bist nicht frei!
Sibel Kekilli

Wulffs gescheiterte Vermittlung

Ein prominenter Fürsprecher versuchte zu helfen: Ex-Bundespräsident Christian Wulff traf sich nach seiner Amtszeit mit Kekillis Vater im Schwabenland, um zu vermitteln. »Das rechne ich ihm hoch an«, sagt Kekilli. Doch der Vater zeigte keine Einsicht: »Wulff meinte, er habe meinem Vater das Versprechen abgenommen, dass wir uns auf neutralem Gebiet aussprechen. Das, was ich rausgehört habe, war tatsächlich, dass mein Vater keine Verantwortung oder Schuld bei sich gesehen hat.«

Die Familie hat sich bis heute nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert. Kekilli selbst hat den Kontakt weitgehend abgebrochen: »Ich nehme überwiegend aus der Ferne Anteil. Das ist für mich gesünder.« Der Satz macht deutlich, wie tief die Verletzungen sitzen.

Opfer zu sein, hat was Beschämendes, es ist eine Schande, weil man als schwach abgestempelt wird. Und natürlich hatte ich Angst.
Sibel Kekilli

Ein Leben mit den Narben

Völligen Frieden mit ihrer Vergangenheit hat Kekilli nicht geschlossen. »Mich macht es schon noch traurig, wenn ich die Erinnerungen daran zulasse. Ich denke dann: Hey, es ist nicht immer alles fair gewesen, aber ich kann’s nicht ändern«, sagt sie. Heute lebt sie in Hamburg, hat 2026 geheiratet und sich eine eigene Existenz aufgebaut, fern von der Familie.

Trotzdem bleibt die Frage: Warum wurde so lange geschwiegen? Kekillis Antwort klingt bitter: »Die Leute wollen angelogen werden. Es ist ihnen zu viel.« Mit ihrem Interview hofft sie, anderen Betroffenen Mut zu machen – und auf eine Gesellschaft, die hinschaut.