Der umstrittene Witz
Mehrmals pro Woche werden in Deutschland Frauen von ihren Partnern getötet. Dieter Nuhr machte daraus am 18. Juni in seiner ARD-Sendung „Nuhr im Ersten XXL“ einen Witz – und erntet massive Kritik.
Es gibt etwa 300 bis 350 Frauenmorde jedes Jahr und bitte, natürlich sind das 300 bis 350 zu viel, das ist doch keine Frage. Aber es gibt in Deutschland zig Millionen Männer, die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null. Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erstmal kennenlernt.Dieter Nuhr (Kabarettist)
Ein Clip der Passage verbreitete sich rasch in sozialen Medien. Die Influencerin Josephine Schreiber, die sich für feministische Themen einsetzt, reagierte mit deutlichen Worten. Sie warf Nuhr vor, Opfer von Gewalt indirekt mitverantwortlich zu machen, und bemängelte mangelnde Empathie.
Es widert mich an, wie absolut privilegierte Menschen, die wahrscheinlich niemals in ihrem beschissenen Leben Gewalt erlebt haben, dort sitzen und sich darüber totlachen, dass mehrmals die Woche in Deutschland Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet werden.Josephine Schreiber (Influencerin)
Es wundert mich, dass menschliche Wesen wirklich derart wenig Empathie empfinden können.Josephine Schreiber (Influencerin)
Aus eigener Erfahrung berichtete Schreiber, ihr damaliger Partner sei zu Beginn der Beziehung freundlich gewesen. Erst später habe sich sein Verhalten verändert – bis sie mit einer gebrochenen Nase in der Notaufnahme saß. Niemand könne einem Menschen von Beginn an ansehen, ob er gewalttätig werde.
Der Vorwurf, Nuhr verharmlose Gewalt gegen Frauen und instrumentalisiere getötete Frauen für eine Pointe, hallte durch die sozialen Netzwerke. Unter dem Hashtag #Femizide fand sich vielfach die Formulierung: „Tote Frauen sind keine Pointe“. Die Empörung richtete sich auch gegen die ARD, die solche Witze ins Programm lasse.
Wie T-Online berichtet, äußerte sich Nuhr zunächst nicht zu den Vorwürfen. Auch der Sender geriet unter Druck: Ihm wird vorgeworfen, frauenfeindliche Narrative zu befeuern. Die Debatte zeigt, wie schnell Humor im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur politischen Kampfzone wird – und wie tief der Riss zwischen Kabarett-Tradition und aktueller Sensibilität inzwischen klafft.





