Der Überfall beim Radtraining
Am 23. Juli 2019 radelte Nathalie Schöffmann, damals noch Nathalie Birli, nahe ihrem Wohnort bei Graz. Ein roter Kastenwagen rammte sie von hinten. Der Fahrer stieg aus, schlug mit einem Holzstock auf sie ein und zerrte die Bewusstlose in sein Fahrzeug. Nur drei Monate nach der Geburt ihres Sohnes hatte die Profi-Triathletin das Training wieder aufgenommen – und geriet in die Hände eines Entführers.
Sie erwachte gefesselt auf einem Bett in einem abgelegenen Haus. Der Mann hatte ihr den linken Unterarm und einen Schädelknochen gebrochen. Jedes Wort, das sie äußerte, beantwortete er mit neuen Schmerzen. Er flößte ihr Alkohol ein und versuchte mehrfach, sie zu töten – unter anderem, indem er sie in der Badewanne beinahe ertränkte. Später beschrieb sie die Stunden der Gefangenschaft als „ein absurdes Date mit mir“.
Die Wende brachte ein Blick aus dem Fenster. Sie sah blühende Orchideen und machte ihm ein Kompliment. „Das war das einzige Schöne in dieser trostlosen Umgebung“, erinnerte sie sich. Der Entführer reagierte unerwartet: Er löste ihre Fesseln und begann, wie ein Wasserfall aus seinem Leben zu erzählen. Aus dem gewalttätigen Peiniger wurde ein Mann, der plötzlich das Gespräch suchte.
Er hat mir dann wie ein Wasserfall von seinem ganzen Leben erzählt.Nathalie Schöffmann über ihren Entführer
Schöffmann fragte ihn direkt, was er mit ihr vorhabe, und bot ihm einen Ausweg an: Sie könnten so tun, als sei alles ein Unfall gewesen, und er lasse sie jetzt gehen. Der Entführer willigte ein. Noch am selben Abend fuhr er sie nach Hause. „Ich hatte bis zuletzt Angst, dass er mich doch noch woanders hinfährt und mich dort umbringt“, sagte sie später.
Mentale Stärke als Überlebensstrategie
Die Extremsituation überstand sie auch dank der Disziplin aus dem Leistungssport. „Ich hab gespürt, dass ich in einem abgelegenen Haus bin und mich dort sicher niemand finden wird“, beschrieb sie ihre anfängliche Hoffnungslosigkeit. Statt in Panik zu verfallen, suchte sie rational nach einem Ausweg. Diese mentale Stärke half ihr, den Täter für sich zu gewinnen. Rote Autos, so gesteht sie, seien bis heute „ein bisschen ein Trigger“.
Das ist ja wirklich alles, wie man es aus einem Horrorfilm kennt.Moderatorin Marlene Lufen
Der Entführer wurde 2020 zu sieben Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Der Fall inspirierte den True-Crime-Thriller „Ohne jede Spur – Der Fall der Nathalie B.“, der 2025 im ORF und in der ARD ausgestrahlt wurde, begleitet von der Dokumentation „Das zweite Leben von Nathalie“. Schöffmann spricht offen über die Tat, doch sie denke „relativ selten“ daran. Das Unfassbare habe sie durch ihre eigene Haltung überlebt.





