„Was ist denn, wenn mir irgendwann so ein Christian-Ulmen-Ultra eine Kugel in den Kopf jagt?“ Dieser Satz von Collien Fernandes fiel nicht im Affekt, sondern wohlüberlegt – bei einem Bühnenauftritt im Deutschen Theater Berlin. Die Schauspielerin und Moderatorin sprach wenige Tage nach einem Gerichtsbeschluss, der zentrale Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen für „unstrittig“ erklärt hatte.
Doch statt Erleichterung erlebt Fernandes eine neue Eskalation der Gewalt. Wie sie beim Tagesspiegel-Hauptstadtgespräch berichtete, nehmen die Hassnachrichten und Morddrohungen gegen sie wieder zu. Der Grund, vermutet sie, sei eine Pressemitteilung der Gegenseite unmittelbar nach dem Urteil, die bei vielen den Eindruck erweckt habe, die Vorwürfe seien zurückgenommen worden.
OLG-Entscheidung und öffentliche Verzerrung
Das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg hatte am 22. Juni 2026 entschieden, dass über die Erstellung von Fake-Profilen und die Verbreitung pornografischen Materials unter dem Namen von Fernandes berichtet werden darf. Ebenfalls zulässig ist die Berichterstattung über den spanischen Vorwurf körperlicher Übergriffe. Allein die Behauptung, Ulmen habe selbst Deepfake-Videos von Fernandes hergestellt, untersagte das Gericht.
Fernandes wirft Ulmen und seinen Anwälten eine gezielte „Täterstrategie“ vor: Durch das Bestreiten einzelner Nebenaspekte werde versucht, die gesamte Berichterstattung als haltlos darzustellen – mit gravierenden Folgen für ihre Sicherheit. „Das belastet mich wahnsinnig“, sagte sie.
Demo mit schusssicherer Weste
Nur wenige Tage zuvor, am 26. März 2026, hatte Fernandes bereits gezeigt, wie real die Bedrohung für sie ist. Sie trat bei einer Demonstration unter dem Motto „Es reicht! Die Scham muss die Seite wechseln“ in Hamburg vor 20.000 Menschen auf – mit schusssicherer Weste und Polizeischutz. Erst kurz zuvor hatte sie ihre Teilnahme wegen „ernsthafter Sicherheitsbedenken aufgrund von Morddrohungen“ abgesagt, dann aber überraschend doch die Bühne betreten.
„Ich bekomme Morddrohungen. Weil Männer – zu 100 Prozent Männer – mich killen wollen“, rief sie dort. Hintergrund ist ein jahrelanger Fall digitaler Gewalt, den Fernandes Anfang 2026 öffentlich machte: Ulmen soll über ein Jahrzehnt hinweg unter ihrem Namen sexualisierte Chats mit Männern geführt und pornografisches Material von Doppelgängerinnen verbreitet haben.
„Die Hassnachrichten werden wieder mehr“
Die Hassnachrichten werden wieder mehr, die Morddrohungen auch.Collien Fernandes
Nach dem OLG-Beschluss empfindet Fernandes die Reaktionen als besonders bitter. „Immer wieder“, so schilderte sie in Berlin, bekomme sie Nachrichten, die ihr vorwerfen: „Aha, da ist ihr Lügengerüst wohl endlich zusammengefallen.“ Viele Medien hätten diesen Eindruck durch unzureichende Berichterstattung verstärkt.
Für Fernandes steht der Fall stellvertretend für unzählige Betroffene digitaler Gewalt, die kaum Schutz erfahren. „Deutschland ist ein absolutes Täterparadies“, hatte sie bereits im März gesagt. Sie klagt bewusst in Spanien, wo die Gesetze strenger seien, und fordert mehr Schutzlücken zu schließen. Ein geplantes Gesetz der Bundesregierung gegen digitale Gewalt könnte künftig sexualisierte Deepfakes unter Strafe stellen.
Trotz aller Drohungen will Fernandes weitermachen – auch wenn die Angst mitfährt. „Natürlich habe ich dann Angst, ans Set zu gehen“, sagt sie. Die Frage, die sie in Berlin in den Raum stellte, bleibt jedoch unbeantwortet: Was passiert, wenn die Drohungen nicht nur Worte bleiben?





