Das verhängnisvolle Fahrrad
1954 lockte ein dänischer Produzent die erst achtjährige Gitte Hænning mit einem ungewöhnlichen Versprechen: Wenn das Vater-Tochter-Duett „Ich heirate Pappi“ ein Hit würde, bekäme sie ein Fahrrad. Die Kleine wollte eigentlich nicht – ihre ältere Schwester hatte sich die Rolle erhofft, war aber mit zwölf schon zu alt für den Text. Also musste Gitte ran. „Ich wurde gelockt mit einem Fahrrad, wenn es ein Hit wird. Und es wurde leider ein Hit“, sagte Hænning im BILD-Podcast „MayWay“.
„Dieses Bewundertwerden fand ich grauenvoll“
Der Song machte sie über Nacht zum beliebtesten Kinderstar Dänemarks. Fernsehauftritte, Filme, Plattenaufnahmen folgten – und mit ihnen eine Aufmerksamkeit, die sie zutiefst verabscheute. „Ich mochte es nicht, berühmt zu sein. Gar nicht. Dieses Bewundertwerden fand ich grauenvoll“, gesteht die heute 80-Jährige.
Ich mochte es nicht, berühmt zu sein. Gar nicht. Dieses Bewundertwerden fand ich grauenvoll.Gitte Hænning im Podcast „MayWay“
Ambitionen habe sie nie gehabt: „Ich wollte gar nicht irgendwie glänzen“, so Hænning laut t-online. Dass sie dennoch vergleichsweise unbeschadet durch diese Zeit kam, führt sie auf ihre Familie zurück: „Ich bin da sehr gesund durchgekommen. Vielleicht auch deshalb, weil meine Familie mich nie auf Ruhm reduzierte.“ Ihr klares Fazit heute: „Ich bin gegen Kinderstars.“
Selbst der größte Hit war ungewollt
Nicht nur der Start ihrer Karriere war erzwungen. Auch ihren größten Erfolg, „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ von 1963, der Platz 1 der deutschen Charts erreichte, lehnte Hænning innerlich ab. „Ich habe das Lied nie verstanden und wollte das – wie so viele andere Sachen – nicht machen, nicht singen. Ich fand das völlig idiotisch. Es wurde ein Riesenhit“, sagte sie bereits im Juni dem ARD-Magazin „Brisant“.
Der Druck kam auch von ihrem Vater Otto Johansson, einem Chansonnier und Gesangslehrer. „Er war ein bisschen zu forsch. Das war nicht so angenehm für mich“, erinnert sie sich. Erst eine spätere, ältere Gesangslehrerin habe ihr das gegeben, was der Vater nicht konnte: „Sie hat mir Flügel geschenkt.“
Mit 80 auf der Bühne – und kein bisschen leise
Trotz aller Qualen steht Hænning auch mit 80 Jahren noch regelmäßig auf der Bühne, aktuell mit ihrem Jubiläumsprogramm „Ich bin stark – 80 Jahre Gitte Hænning“. Musik sei „gut für die Seele. Sie ist erfüllend“, sagt sie. Ans Aufhören denkt sie nicht. Dass sie dabei von einem Publikum gefeiert wird, das sie einst nicht haben wollte, ist die vielleicht größte Ironie ihrer Karriere.





