„Nicht erinnerlich“: Merz bestreitet Telefonat mit Wegner in Stromkrise
Das Kanzleramt widerspricht der Berliner Senatskanzlei: Kein Gespräch zwischen Kanzler und Regierendem Bürgermeister während des Blackouts. Die Opposition sieht eine systematische Vertuschung – und Merz unter Druck.
Es ist ein Dementi, das die politische Erzählung des Regierenden Bürgermeisters zum Einsturz bringt: Das Bundeskanzleramt hat am 11. Juli erklärt, dass es während des Berliner Stromausfalls im Januar 2026 „soweit feststellbar“ kein Telefonat zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz und Kai Wegner gegeben habe. Wenige Stunden später legte ein Regierungssprecher nach: „Dem Bundeskanzler ist ein solches Telefonat nicht erinnerlich.“
Die Berliner Senatskanzlei beharrt dagegen auf ihrer Version. Ein vierminütiges Gespräch soll am 4. Januar 2026 um 19:57 Uhr stattgefunden haben, bei dem Merz den Regierenden Bürgermeister zurückgerufen habe. Senatssprecherin Christine Richter bestätigte dies gegenüber dem rbb. Wegner selbst hatte bereits am 5. Januar im RBB erklärt: „Gestern habe ich einmal mehr mit dem Bundeskanzler auch gesprochen.“
Rückzug einen Tag vor der Enthüllung
Nur einen Tag vor der Kanzleramtsmitteilung, am 10. Juli, hatte Wegner überraschend seinen Rückzug als CDU-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September verkündet. Er bleibe zwar Regierender Bürgermeister, aber er schaffe es nicht mehr, „Botschaften zu übermitteln, weil alles andere das überlagert“. Die Umfragewerte der Berliner CDU waren zuletzt auf 17 Prozent abgestürzt.
Der Rückzug erfolgte vor dem Hintergrund wachsender Kritik an Wegners Krisenmanagement während des tagelangen Blackouts im Januar. Damals waren rund 100.000 Menschen bei winterlichen Temperaturen ohne Strom und Heizung, während Wegner am 3. Januar mittags eine Stunde Tennis spielte. Später räumte er ein:
„Ja, ich habe kommunikative Fehler gemacht. Und das war auch Mist.“Kai Wegner
CDU in der Defensive
Die Enthüllungen bringen nicht nur Wegner, sondern auch Bundeskanzler Merz in die Bredouille. Der Grünen-Politiker Felix Banaszak sagte dem Tagesspiegel:
„Bei der CDU wird die Lage immer verrückter: In einem verzweifelten Manöver versucht die CDU in Berlin, die Talfahrt in den Umfragen zu stoppen – und wirft dabei Fragen weit über den Berliner Landesverband hinaus bis hin zum Kanzler auf.“Felix Banaszak
Die frühere Grünen-Abgeordnete Renate Künast sprach auf Bluesky gar von einer „Lüge“, die Merz monatelang gedeckt habe. „Merz heißt jetzt Pinocchio.“ Der grüne Berliner Spitzenkandidat Werner Graf warf Wegner und der CDU vor, „der Stadt und der Demokratie in Berlin und weit darüber hinaus einen großen Schaden zugefügt“ zu haben. CDU-Finanzsenator Stefan Evers soll nun als neuer Spitzenkandidat antreten.
„Kai Wegner und die CDU haben mit ihrem Handeln der Stadt und der Demokratie in Berlin und weit darüber hinaus einen großen Schaden zugefügt.“Werner Graf
Das Kanzleramt hatte monatelang zu der Frage geschwiegen, ob das Telefonat stattfand. Erst nach einem presserechtlichen Eilverfahren des Tagesspiegels vor dem Verwaltungsgericht Berlin musste es die Informationen herausgeben – ausgerechnet am 11. Juli, einen Tag nach Wegners Rückzug. Das nährt den Verdacht, Merz habe seinen Parteifreund bewusst gedeckt.
Die widersprüchlichen Darstellungen zwischen Senat und Kanzleramt bleiben ungeklärt. Während die Berliner Seite an ihrer Version festhält, zieht sich die Bundesregierung auf die Position zurück, Telefonate würden „üblicherweise nicht dokumentiert“. Für die Abgeordnetenhauswahl im September dürfte die Affäre die CDU weiter belasten.





