5.862 Menschen haben im ersten Halbjahr 2026 einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt. Das gab das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) auf Anfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) bekannt. Der Wert übertrifft bereits jetzt den gesamten Jahreswert von 2025, als 3.867 Anträge eingingen – und markiert den höchsten Stand seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011.
Zwei Faktoren treiben den Anstieg: die seit dem Ukraine-Krieg angespannte Sicherheitslage und das neue Wehrdienstgesetz, das am 1. Januar 2026 in Kraft trat. Es sieht eine verpflichtende Musterung für junge Männer ab dem Jahrgang 2008 vor. Ziel ist es, Freiwillige für den Ausbau der Bundeswehr von aktuell rund 186.000 auf 260.000 Soldaten bis 2035 zu gewinnen. Gelingt das nicht, droht eine sogenannte Bedarfswehrpflicht – dann würden geeignete Männer wieder verpflichtend eingezogen.
In den Jahren nach der Aussetzung der Wehrpflicht waren die Verweigererzahlen massiv eingebrochen. 2022 – im ersten Jahr des russischen Überfalls – verweigerten nur 951 Personen den Dienst an der Waffe, 2023 waren es 1.079. Schon 2024 stieg die Zahl auf 2.998. Der nun erreichte Halbjahreswert liegt bereits über dem Niveau des gesamten Jahres 2011 (4.348). Zugleich zeigt sich, dass die neue Wehrdienstregel junge Männer unter Druck setzt: Die neue Ausreiseregelung verlangt von Gemusterten eine Klärung ihres Wehrdienststatus, bevor sie ins Ausland reisen dürfen.
Wehrbeauftragter warnt vor Planungsfehlern
Der sprunghafte Anstieg der Verweigerungen trifft auf eine Bundeswehr, die ohnehin mit Rekrutierungsproblemen kämpft. Nur 530 Freiwillige wurden bislang für 2026 tatsächlich einberufen, obwohl Umfragen ein deutlich höheres Interesse junger Männer am Wehrdienst signalisieren. Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Henning Otte (CDU), berichtete von Missstimmung in der Truppe:
Soldatinnen und Soldaten haben mir berichtet, dass sie ihre Stuben für erwartete Freiwillige räumen mussten, die dann gar nicht in der prognostizierten Zahl kamen. Dafür braucht es eine verlässliche strategische Planung, die sich an der Realität orientiert.Henning Otte, Wehrbeauftragter des Bundestages (CDU)
Gegenbewegung: Auch Zahl der Widerrufe steigt
Parallel zu den steigenden Verweigererzahlen widerrufen immer mehr Menschen ihre bereits anerkannte Kriegsdienstverweigerung. 2025 taten dies 781 Personen, allein im ersten Quartal 2026 kamen 233 weitere hinzu. In den Vorjahren lagen die jährlichen Widerrufe noch zwischen 304 und 626. Warum jemand diesen Schritt geht, wird statistisch nicht erhoben – weder beim BAFzA noch bei den Karrierecentern der Bundeswehr.
Bekannt wurde etwa der Fall des ehemaligen Grünen-Verteidigungspolitikers Tobias Lindner, der 2019 seine 18 Jahre zuvor anerkannte Verweigerung zurückzog. Er teilte dem BAFzA schriftlich mit, dass ihn „Gewissensgründe nicht mehr daran hindern, in der Bundeswehr zu dienen“. Ähnlich argumentierten der frühere FDP-Politiker Marco Buschmann und Ex-Vizekanzler Robert Habeck (Grüne).
Das in Artikel 4 Absatz 3 Grundgesetz garantierte Recht, den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen zu verweigern, bleibt bestehen. Anerkannte Kriegsdienstverweigerer müssen im Spannungs- oder Verteidigungsfall jedoch zivilen Ersatzdienst leisten.
Ob der Anstieg der Anträge anhält, wird auch von der weiteren Sicherheitslage und der politischen Debatte um die Bedarfswehrpflicht abhängen. Bislang fehlt der Bundeswehr eine verlässliche Planungsgrundlage – während die Zahl der Verweigerer in die Höhe schnellt, bleiben die erhofften Freiwilligenmeldungen weit hinter den Erwartungen zurück.





