Globaler Rekord, getrübter Blick
Der weltweite Reichtum wuchs 2025 so schnell wie seit Jahren nicht – doch der Jubel über neue Millionäre übertönt eine unbequeme Wahrheit: Der Abstand zwischen Durchschnitt und Mitte wird zur Gefahr. Laut dem am 30. Juni veröffentlichten UBS Global Wealth Report legte das Privatvermögen global um 10,8 Prozent zu, getrieben von steigenden Aktienmärkten und Immobilienwerten. Europa profitierte rechnerisch besonders, weil der schwache Dollar die Euro-Vermögen aufpumpte. Fast eine Million Menschen stiegen neu in den Club der Dollar-Millionäre auf, die meisten davon in den USA. Doch hinter diesen Durchschnittszahlen versteckt sich eine auseinanderdriftende Vermögensverteilung – und Deutschland steht exemplarisch für die Schieflage.
Durchschnitt top, Median flop
Die Zahlen für Deutschland lesen sich auf den ersten Blick eindrucksvoll: Ein Pro-Kopf-Vermögen von 346.613 Dollar (Rang 14) und 2,65 Millionen Millionäre – täglich kommen 66 hinzu. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Medianvermögen – also jener Wert, bei dem die Hälfte mehr und die andere Hälfte weniger besitzt – beträgt nur 53.485 Dollar. Das sind umgerechnet rund 47.000 Euro. Im globalen Vergleich reicht das nur für Rang 30, hinter Italien (131.001 Dollar), Japan (135.745) und selbst den USA (68.998). Anders gesagt: Wer in Deutschland zur unteren Hälfte gehört, hat im Schnitt weniger als ein Italiener mit geringem Vermögen.
Menschen beurteilen ihren Wohlstand häufig im Vergleich zu anderen – nicht nach ihrem tatsächlichen Vermögen.Paul Donovan | Chefvolkswirt UBS Global Wealth Management
Die gefühlte Ungerechtigkeit kann politische Sprengkraft entfalten, selbst wenn die eigenen Zahlen steigen. Die extreme Konzentration des Reichtums spiegelt sich in der Vermögenspyramide wider: 3,9 Prozent der Erwachsenen besitzen fast die Hälfte des gesamten Privatvermögens. Knapp jeder Zehnte muss mit weniger als 10.000 Dollar auskommen. Die offizielle Statistik mit Durchschnittswerten verschleiert, dass der typische Deutsche kaum vom Wirtschaftswachstum profitiert.
Amerika lebt Aktienkultur – Deutschland das Sparbuch
Ein Grund für die deutsche Medianlücke liegt in der Vermögensstruktur. In den USA bestehen fast 80 Prozent des Privatvermögens aus Finanzanlagen – Aktien, Fonds, Unternehmensbeteiligungen. Von den Börsenrallyes der Tech-Giganten profitieren breite Bevölkerungsschichten direkt oder indirekt über Pensionsfonds. In Deutschland dagegen parken die Bürger ihr Geld bevorzugt in Immobilien, Sparbüchern und Versicherungen. Sicherheit vor Rendite, lautet die Devise. Das Ergebnis: Während in den USA allein 2025 rund 441.000 neue Millionäre entstanden, hinken deutsche Haushalte im internationalen Wettbewerb um Vermögensaufbau hinterher.
Nachhaltiger Wohlstand entsteht durch Investitionen – in die eigenen Fähigkeiten ebenso wie in die Wirtschaft insgesamt.Paul Donovan | Chefvolkswirt UBS Global Wealth Management
Milliarden-Erbe und die drohende Steuerfalle
Die nächste Dekade wird die Debatte über Vermögen weiter anheizen. Billionenvermögen gehen in den kommenden Jahren an die nächste Generation über. Gleichzeitig wachsen die Staatsschulden. Donovan warnt:
Die große Vermögensübertragung rückt zunehmend in den Fokus der Politik. Regierungen dürften versuchen, private Vermögen stärker zur Finanzierung ihrer Schulden heranzuziehen.Paul Donovan | Chefvolkswirt UBS Global Wealth Management
Schon heute mehren sich Rufe nach einer Vermögenssteuer, doch die politische Umsetzung ist umstritten. Für die deutsche Mittelschicht könnte das bedeuten: weniger Netto vom wachsenden Bruttovermögen.
Der globale Reichtum verteilt sich längst nicht mehr in einer simplen Pyramide, sondern gleicht einem sich drehenden Kreisel. Eine kleine „Older Brother Class" mit 5 bis 100 Millionen Dollar erzielte seit dem Jahr 2000 eine reale Jahresrendite von 8,7 Prozent – doppelt so viel wie die „Everyday Millionaires". Die Mitte wird breiter, aber sie stratifiziert sich: Gutverdiener ohne Eigentum, Fachkräfte mit Aktienpaketen, Dienstleister mit steigenden Einkommen, aber schrumpfendem Besitz. Der UBS-Report zeigt: Deutschland droht den Anschluss an diese neue Vermögensdynamik zu verlieren – nicht wegen fehlenden Wohlstands, sondern wegen einer Politik, die Sparen besteuert und Investitionen erschwert.





