Mehr als 10.000 ausländische Kämpfer aus über 70 Ländern dienen bereits in der ukrainischen Armee. Doch trotz Gehältern, die zu den höchsten der Welt für Infanterie zählen, findet Kiew kaum neue Rekruten. Der Grund: Der Drohnenkrieg hat die Überlebenschancen an der Front drastisch reduziert.
Die Personalnot ist gewaltig. Von den rund einer Million Soldaten gelten rund 200.000 als unerlaubt abwesend – sie sind desertiert. Etwa zwei Millionen Ukrainer entziehen sich der Mobilisierung. Viele Soldaten sind nach jahrelangem Dauereinsatz erschöpft oder gefallen.
Armeereform: 50 Prozent Ausländer in der Infanterie
Im Juni 2026 trat eine lange überfällige Reform in Kraft: befristete Verträge von sechs bis maximal 24 Monaten und das Versprechen, langgediente Soldaten ab Herbst 2026 auf Wunsch zu entlassen. Gleichzeitig soll der Anteil ausländischer Kämpfer in Infanterie- und Sturmeinheiten massiv erhöht werden – auf 30 bis 50 Prozent.
„Die Anwerbung ausländischer Freiwilliger ist eine Priorität der Regierung. Die ukrainischen Streitkräfte haben bereits Erfahrung mit der Integration ausländischer Freiwilliger. Wir müssen diese Bemühungen so ausweiten, dass 30 bis 50 Prozent der Infanterie- und Sturmeinheiten mit ausländischen Freiwilligen besetzt sind.“
Privatfirmen als Headhunter
Seit kurzem dürfen nur noch geprüfte, in der Ukraine registrierte Unternehmen ausländische Kämpfer anwerben. Sie erhalten bis zu 300.000 Hrywnja (rund 7.400 US-Dollar) pro vermitteltem Rekruten, gestaffelt in mehreren Tranchen. Dafür müssen sie eine Sicherheitsleistung von fünf Millionen Hrywnja (ca. 123.000 Dollar) hinterlegen und werden auf Russland-Verbindungen überprüft.
Die Firmen kümmern sich um den gesamten Prozess: Ansprache, Reise, Dokumente, Versicherung, Unterkunft – bis zum Dienstantritt.
Rekordgehälter – und doch zu wenig
Infanterie- und Sturmsoldaten können Verträge von sechs bis 14 Monaten abschließen. Das Durchschnittsgehalt liegt bei 300.000 Hrywnja (7.400 Dollar) monatlich, kann aber mit Frontzulagen auf bis zu 460.000 Hrywnja (11.300 Dollar) steigen. Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow spricht von den höchsten Infanteriegehältern der Welt.
Für Kolumbianer etwa, die in ihrer Heimat monatlich kaum 400 Euro verdienen, ist das ein Vermögen.
Der Drohnenkrieg als Abschreckung
Das Problem: Die Gefahr an der Front ist durch die massive Drohnenüberwachung explodiert. In einem bis zu 25 Kilometer breiten Streifen entlang der Frontlinie sind Truppenbewegungen nahezu unmöglich, ohne entdeckt und angegriffen zu werden. Ein US-amerikanischer Kämpfer mit dem Kampfnamen "Blackhawk" bringt es auf den Punkt: "Das Risiko ist uns auch keine zehntausend Dollar wert. Heute braucht es nur eine verdammte Drohne, und du bist am Ende."
Viele westliche Freiwillige weichen deshalb auf sicherere Aufgaben wie Logistik oder Drohnenbau aus. Wie gefährlich der Einsatz ist, zeigen auch Berichte über russische Rekruten, die an der Front durchschnittlich nur 20 bis 35 Minuten überleben.
Kolumbien: Das größte Reservoir
Fast die Hälfte aller ausländischen Soldaten in der Ukraine stammt aus Kolumbien – ehemalige Berufssoldaten, die im Bürgerkrieg gegen Guerillas und Drogenkartelle gekämpft haben. Seit 2022 sollen etwa 7.000 Kolumbianer gedient haben, 1.000 bis 2.000 sind noch im Einsatz. Ihr Anteil wird auf 25 bis 40 Prozent aller ausländischen Kämpfer geschätzt.
Der Preis ist hoch: Das kolumbianische Außenministerium zählt offiziell 173 Gefallene und 670 Vermisste. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Viele überleben nur wenige Wochen.
Wachsender Unmut im eigenen Land
In der ukrainischen Bevölkerung wächst der Widerstand gegen die Einberufung. Am 8. Juli 2026 kippten in Lwiw rund 200 Zivilisten ein Fahrzeug eines Rekrutierungszentrums um, nachdem Beamte einen jungen Mann festgenommen hatten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, der Generalstab untersucht das Verhalten der Beamten.
Die Militär-Ombudsfrau Olha Reschetylowa fordert eine "komplette Überholung des Einberufungssystems". Laut Polizei gab es 2022 nur fünf Angriffe auf Rekrutierungszentren, 2025 waren es 341, und bis April 2026 bereits über 100.
Ob die Reform tatsächlich Tausende neuer Ausländer an die Front bringt, ist fraglich. Für viele ist das Geld den Einsatz nicht wert.





