Die Zahl der Frührentner, die sich Rente und Gehalt gleichzeitig auszahlen lassen, ist sprunghaft gestiegen. Nach einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) verdient inzwischen jeder vierte besonders langjährig Versicherte nach Rentenbeginn in nennenswertem Umfang hinzu – Tendenz stark steigend.
Der Anteil der Frührentner mit 45 und mehr Beitragsjahren, die sozialversicherungspflichtig mehr als einen Minijob hinzuverdienen, kletterte 2023 auf 25 Prozent. Im Jahr 2022 hatte dieser Wert noch bei 18 Prozent gelegen. Bei langjährig Versicherten (35 Beitragsjahre) verdoppelte sich der Anteil von 8 auf 14 Prozent.
Wegfall der Hinzuverdienstgrenze wirkt als Turbo
Hintergrund ist die vollständige Abschaffung der Hinzuverdienstgrenze für vorgezogene Altersrenten zum 1. Januar 2023. Die Politik wollte den Übergang in den Ruhestand flexibilisieren und Ältere zum Weiterarbeiten ermuntern. Tatsächlich aber sinkt das durchschnittliche Renteneintrittsalter der langjährig Versicherten seitdem leicht – und der Anteil derjenigen, die bewusst lebenslange Abschläge in Kauf nehmen, stieg von 21,7 Prozent (2020) auf 24 Prozent (2024).
Immer häufiger rechnen sich Beschäftigte, dass sie trotz dauerhafter Rentenkürzungen vom parallelen Bezug von Lohn und Rente profitieren.
„Durch die Reformen der Hinzuverdienstgrenze ist das bisherige Prinzip, dass Rente Erwerbseinkommen ersetzt, aufgehoben, da nun ein paralleler Bezug von unbegrenztem Einkommen und voller Rente möglich ist.“
Regierung will genau das Gegenteil
Die IW-Erkenntnisse stehen im scharfen Widerspruch zu den Plänen der Bundesregierung. Am 2. Juli 2026 hatte der Koalitionsausschuss unter Kanzler Friedrich Merz eine umfassende Rentenreform auf den Weg gebracht. Kernpunkte: Die Regelaltersgrenze soll an die Lebenserwartung gekoppelt, die „Rente mit 63“ abgeschafft und der frühestmögliche Renteneintritt auf 64 Jahre angehoben werden.
Gleichzeitig führt die Koalition mit der seit Januar 2026 geltenden Aktivrente eine weitere Subvention für arbeitende Senioren ein: Wer die Regelaltersgrenze erreicht hat, kann bis zu 2.000 Euro monatlich steuerfrei hinzuverdienen.
„Die Regierung sendet gegensätzliche Signale an die Babyboomer: Zum einen erhöht sich bis 2031 die Regelaltersgrenze auf 67 Jahre. Zum anderen werden vorzeitige Renteneintritte für die Gemeinschaft teuer ermöglicht.“
Doppelte Belastung für die Rentenkasse
Für das ohnehin strapazierte Rentensystem bedeutet der Trend eine doppelte Belastung: Der Staat zahlt früher Rente aus, und die Kosten für die parallelen Renten steigen weiter. Schon jetzt warnt das IW, dass Beitrags- und Steuerzahler durch diese Fehlanreize deutlich stärker zur Kasse gebeten werden müssten.
Zugleich widerlegt die Studie die Hoffnung, dass die arbeitenden Frührentner dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Selbst in dem Berufsbereich mit den meisten Hinzuverdienern – Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht und Verwaltung – machen sie nur 0,3 Prozent aller Beschäftigten aus. In den vom Mangel besonders betroffenen Branchen liegt die Quote noch niedriger.
Die Regierung will das gesamte von der Alterssicherungskommission vorgelegte Reformpaket bis Ende 2026 durch den Bundestag bringen. Der Sozialverband VdK und die Gewerkschaften kündigen Widerstand an.
„Es braucht eine echte Stärkung der Rentenversicherung: durch gute Löhne, mehr Tarifbindung, verlässliche Kinderbetreuung, sichere Pflegeangebote und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.“
Eine erste gesetzliche Evaluierung der abgeschafften Hinzuverdienstgrenze ist erst für 2027 vorgesehen. Die IW-Untersuchung versteht sich als vorgezogene Mahnung: Solange Frührentner unbegrenzt hinzuverdienen können, dürfte die Zahl derer, die Rente und Gehalt kombinieren, weiter steigen – und die eigentlich gewollte Verlängerung der Lebensarbeitszeit unterlaufen.









