Die Forderung ist unmissverständlich: „Jens Spahn ist als Vorsitzender der Unionsfraktion nicht mehr tragbar und muss zurücktreten“, sagt Daniel Peters, CDU-Landesvorsitzender von Mecklenburg-Vorpommern taggenau. Nur zwei Tage nach der öffentlichen Bekanntgabe, dass Spahn und sein Ehemann Daniel Funke per Leihmutter in den USA Vater geworden sind, bricht sich der innerparteiliche Widerstand Bahn. Der Fraktionschef schweigt bislang zu den Vorwürfen.
Am 15. Juli 2026 hatte das Paar exklusiv in der „Bild“-Zeitung die Geburt ihres Sohnes Georg bekannt gegeben. Der Junge wurde mithilfe einer Leihmutter in den USA geboren – ein Verfahren, das in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten ist. Kanzler Friedrich Merz war bereits am 11. Juli von Spahn informiert worden und gratulierte, eine inhaltliche Bewertung lehnte er ab.
Die CDU hatte ihren ablehnenden Kurs erst im Februar 2026 auf dem Bundesparteitag in Stuttgart bekräftigt, mit einem klaren Bekenntnis zum Verbot jedweder Leihmutterschaft. Eine Parteisprecherin stellte am Tag nach der Rücktrittsforderung klar: „Die geltende Rechtslage in Deutschland soll aus Sicht der Partei bleiben, wie sie ist.“ Familienministerin Karin Prien verwies auf den Koalitionsvertrag, der keine Reform vorsehe.
Parteifreunde sehen Doppelmoral
Peters warf Spahn vor, sich „in voller Absicht über in Deutschland geltendes Recht hinweggesetzt“ zu haben. „Zudem nimmt er für sich in Anspruch, als Privatperson ganz anders handeln zu können, als er als CDU-Mandatsträger abstimmt. Das geht überhaupt nicht“, zitierte die „Bild“-Zeitung. Bereits am 16. Juli hatte Marion Rosin, Landesvorsitzende der Frauen Union Thüringen, als erste den Rücktritt verlangt.
„Leihmutterschaft ist in Deutschland aus guten ethischen Gründen verboten. Wer dieses Verbot durch eine Auslandslösung umgeht, setzt sich über den Geist des deutschen Gesetzes hinweg.“
Auch der Evangelische Arbeitskreis der CDU Thüringen erklärte, die Partei könne ihre Position nicht mehr glaubwürdig vertreten, „wenn einer ihrer wichtigsten öffentlichen Repräsentanten diese klare und wohlerwogene Haltung unterlaufe“.
Die Vorsitzende der Frauengruppe in der Unionsfraktion, Mechthild Heil, wählte drastische Worte: „Frauen dürfen weder zum Sex gekauft, noch als Brutkasten missbraucht werden.“ Sie sprach von einem „ausbeuterischen System zwischen Kaufeltern und Leihmüttern“. Der Bundesvorsitzende der Senioren-Union, Hubert Hüppe, zeigte sich „persönlich geschockt“ und kritisierte, dass sich Politiker mit Macht und Geld über das Verbot hinwegsetzten.
„Die Leihmutterschaft ist zu Recht in Deutschland verboten. Es ist nicht gut, wenn sich Politiker mit Macht und Geld darüber hinwegsetzen.“
Breite Kritik auch außerhalb der Union
Feministin Alice Schwarzer erklärte: „Zu Recht ist Leihmutterschaft in Deutschland verboten. Denn Menschen sind keine Ware. Käuflich sollte weder eine Frau als Gebärmaschine sein noch ein für Geld produziertes Kaufkind.“ Grünen-Chef Felix Banaszak forderte Spahn auf, sich zu erklären, und der gesundheitspolitische Sprecher Janosch Dahmen warf ihm Doppelstandards vor: „Wer Regeln politisch propagiert, sollte nachvollziehbar erklären, warum sie für ihn selbst offenbar nicht gelten sollen.“
Spahns eigenes früheres Statement aus dem Jahr 2015 holt ihn nun ein: Damals sagte er dem Magazin „GQ“: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.“ Als Gesundheitsminister hatte er zudem 2020 ein offizielles Nein zur Leihmutterschaft verkündet.
Doch nicht alle fordern Konsequenzen
Während die Kritik aus der CDU-Basis wächst, hält sich die Parteispitze bedeckt. Kanzler Friedrich Merz gratulierte Spahn via Telefonat, ohne sich zur Rechtsfrage zu äußern. CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek erklärte: „Ich respektiere eine private Entscheidung und gratuliere Jens Spahn und Daniel Funke zur Geburt ihres Sohnes.“ Politisch bleibe das Verbot aber bestehen.
Auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) gehörte zu den Gratulanten. Aus Spahns Umfeld heißt es, er leite aus seinem Privatleben keine politischen Forderungen ab. Sein Ehemann Daniel Funke versuchte in der „Bild“, Bedenken zu zerstreuen: „Wir wissen, dass es beim Thema Leihmutterschaft oft Unsicherheiten und auch Vorbehalte gibt. Aber der große Franz Beckenbauer hat gesagt: Der liebe Gott freut sich über jedes Kind.“
Der finanzielle Aspekt schürt die Debatte zusätzlich: Leihmutterschaften in den USA kosten zwischen 100.000 und 250.000 US-Dollar. Der Berliner CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers, selbst mit einem Mann verheiratet, zeigte Verständnis für kinderlose Paare, sagte aber dem „Tagesspiegel“: „Ich glaube, wir Männer sind die Falschen, um diese Frage zu beantworten.“
Rechtslage bleibt unangetastet
Eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes ist nicht in Sicht. Das CDU-geführte Familienministerium bekräftigte, der Koalitionsvertrag sehe keine Reform vor. Justizministerin Stefanie Hubig hatte bereits im Mai klargestellt, am Verbot werde nicht gerüttelt. Die Kontroverse um Spahn wird damit vor allem zu einer Glaubwürdigkeitsfrage für den Fraktionschef – und zu einem Präzedenzfall für den Umgang der Union mit eigenen Widersprüchen.





