„Schneidender Witz“ und beißende Kritik
Der Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel zu ihrem 72. Geburtstag am 17. Juli 2026 ein zwiespältiges Geschenk gemacht. In der aktuellen Juli-Ausgabe des „Rolling Stone“ (erschienen am 28. Juni) würdigte er ihren Humor und ihre Normalität – und verteilte zugleich Seitenhiebe gegen ihre Regierungsbilanz. Habeck attestiert Merkel einen „schneidenden Witz“, stellt sie aber auch als Mitverantwortliche für die Schwierigkeiten der aktuellen Ampel-Regierung dar.
„Sie hat einen schneidenden Witz, der oft unterschätzt wird.“
Habeck kritisiert, dass unter Merkel notwendige Reformen in Bereichen wie Digitalisierung, Energie und Verwaltung unterblieben seien. Diese Versäumnisse lasteten nun schwer auf der Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP, die ohnehin mit internen Konflikten kämpft. Der Reformstau, den die Ampel geerbt habe, sei immens – und falle ihr jetzt auf die Füße, heißt es sinngemäß aus dem Rolling-Stone-Beitrag.
WM-Jubel, Selfies und ein trockener Humor
Während Habeck politisch abrechnet, erinnert die Zeitschrift „BUNTE“ aus Anlass des Geburtstags an vier unvergessene Angela-Merkel-Momente: Als die Kanzlerin 2014 beim WM-Sieg in Brasilien aus dem Sitz sprang und jubelte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Ihre legendären Selfies mit Bürgern, die sie trotz des Protokolls immer wieder gewährte. Und ihr immer wieder aufblitzender trockener Humor, der selbst in Krisenzeiten für Lacher sorgte.
International würdigen Medien die historische Bedeutung der ersten Frau und ersten Ostdeutschen im Kanzleramt. Auf Plattformen wie „Bored Panda“ wird Merkel unter den prominentesten Geburtstagskindern des Tages gelistet – eine Erinnerung daran, dass sie weltweit respektiert wird. Anhaltende Bewunderung zeigt sich auch in der Kunst: Vor wenigen Wochen wählte Merkel den 28-jährigen Maler Jérémie Queyras für ihr offizielles Porträt aus, das künftig in der Kanzleramtsgalerie hängen soll.
Diese Momente zeichnen das Bild einer Kanzlerin, die es verstand, menschlich zu bleiben – Eigenschaften, die viele heute vermissen. Sie kontrastieren scharf mit der nüchternen Politikerin, die Entscheidungen oft aussitzen ließ.
Habeck: Merkels Untätigkeit belastet die Ampel
Doch Habecks Geburtstagsgruß war mehr als eine persönliche Eloge. Der Vizekanzler lenkte den Blick auf die strukturellen Probleme, die Merkels 16-jährige Kanzlerschaft hinterlassen habe. Die ausbleibende Digitalisierung der Verwaltung, die mangelnde Modernisierung der Infrastruktur und die zögerliche Energiepolitik hätten Deutschland im internationalen Vergleich zurückgeworfen. Die Ampel-Regierung müsse nun unter schwierigen Bedingungen aufholen – und ernte dafür den Unmut der Wähler.
Mit seiner Aussage bringt Habeck einen Vorwurf auf den Punkt, der in der Regierung seit Monaten kursiert: Merkel habe den Stillstand zur Tugend gemacht und damit den Boden für die heutigen Koalitionsprobleme bereitet. Während die frühere Kanzlerin sich an ihrem Geburtstag öffentlich nicht äußert, wird die Debatte über ihr politisches Erbe wieder lauter.
Ein zwiespältiges Vermächtnis
Angela Merkel selbst hat sich seit ihrem Ausscheiden aus dem Kanzleramt 2021 weitgehend aus der Tagespolitik zurückgezogen. Ihre Memoiren sind noch nicht erschienen, und nur selten meldet sie sich zu Wort. Der Geburtstagsgruß Habecks zeigt, wie umstritten ihre Bilanz auch im Jahr 2026 noch ist – und wie sehr die aktuelle Regierung mit den Folgen ringt.
Während die CDU unter Friedrich Merz Habecks Kritik zurückweist und Merkels Verdienste um Stabilität und Krisenmanagement hervorhebt, sehen Anhänger der Ampel in den Versäumnissen der Vorgängerin einen wesentlichen Grund für die aktuellen Umfragewerte. Ob Habecks offene Abrechnung das Verhältnis zwischen Union und Grünen weiter belastet, bleibt offen.





