Sichtungen in Heiligenhafen und Kiel
Am Donnerstag, dem 16. Juli 2026, gingen beim Deutschen Meeresmuseum zwei Sichtungsmeldungen eines großen Wals vor Heiligenhafen ein. Einen Tag später bestätigte das Umweltministerium Schleswig-Holstein einen Buckelwal am Ausgang der Kieler Förde. Es handelt sich vermutlich um dasselbe Tier, das zuvor schon vor Dänemark beobachtet wurde und in den sozialen Medien „Hartwin“ getauft wurde.
Almut Neumeister, Expertin des Meeresmuseums, sagte nach Auswertung von Videomaterial: „Das Bildmaterial ist qualitativ leider so schlecht, dass wir nicht genau sagen können, ob es sich um den Buckelwal handelt, der sich in den letzten Wochen vor Dänemark aufhielt. Die Größe und das allgemeine Erscheinungsbild deuten jedoch darauf hin.“
„Die Hautveränderungen und das Verhalten des Wals sind tatsächlich besorgniserregend.“
Eine Odyssee durch halb Europa
Seit Januar 2026 wird Hartwin von der Organisation „Stranded No More“ verfolgt. Erstmals tauchte er bei Bloemendaal in den Niederlanden auf, dann bei den Lofoten in Norwegen, im Moray Firth in Schottland und wiederholt vor England und den Niederlanden. Am 18. Juni erreichte er dänische Gewässer, durchquerte den Kleinen Belt und wurde am 20. Juni beim Bridgewalking von einer Touristenführerin gefilmt – mit auffälligen Hautveränderungen am Rücken.
Die erste deutsche Sichtung datiert vom 5. Juli vor der Halbinsel Holnis in der Flensburger Förde. Bereits damals warnte „Stranded No More“: „Sobald Wale so tief in die Ostsee vordringen, schaffen sie es nie wieder lebend aus eigener Kraft heraus.“ Nach Tagen ohne Spur tauchte Hartwin überraschend 148 Kilometer nördlich bei Aarhus auf, kehrte aber schließlich in die deutsche Ostsee zurück.
Hautveränderungen und Skoliose-Verdacht
Der Walexperte Heiko Buch-Illing vom dänischen Zentrum „Fjord&Bælt“ beobachtete das Tier aus nächster Nähe vor Fünen. Sein Urteil ist vernichtend:
„Da gibt's keine Chance. Er wird sterben.“
Buch-Illing deutet das langsame, oberflächennahe Schwimmen als klares Anzeichen, dass der geschwächte Wal einen Ort zum Sterben sucht. Meeresbiologe Fabian Ritter ergänzt: „Teilweise wirkt das Tier apathisch.“ Die Hautverfärbungen könnten auf Pilzbefall oder Parasiten hindeuten. Jüngste Videoanalysen von „Stranded No More“ lassen zudem eine Skoliose vermuten – eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule, möglicherweise nach einer Schiffskollision.
Keine Rettungsaktion wie bei Timmy
Das Schicksal Hartwins erinnert an den Buckelwal Timmy, der im März 2026 in der Ostsee strandete. Damals wurde eine privat finanzierte, rund zwei Millionen Euro teure Rettungsaktion gestartet: Das Tier wurde in einer wassergefüllten Barge in die Nordsee transportiert, starb aber zwei Wochen später. Eine satirische Theaterpremiere in Hamburg verarbeitet nun den Hype um Timmy.
Für Hartwin sieht der dänische „Beredskabsplan for Havpattedyr“ von 2024 jedoch keine veterinärmedizinische Intervention oder geleitete Eskorte vor. Selbst wenn sich sein Zustand verschlechtert, ist nach jetzigem Protokoll kein Eingreifen geplant.
Appell: „Größtmöglichen Abstand halten“
Das schleswig-holsteinische Umweltministerium richtete am 17. Juli einen dringenden Appell an Segler und Motorbootfahrer: „Das Tier sollte auf keinen Fall verfolgt oder aus der Nähe beobachtet werden. Jeder zusätzliche Bootsverkehr bedeutet für einen möglicherweise geschwächten Wal zusätzlichen Stress.“ Der Wal hielt sich kurz in flacherem Wasser auf, bewegte sich dann aber wieder Richtung offene Ostsee.
Sollte das Tier stranden, ist Schleswig-Holstein über eine Meldekette aus Polizei und Fachleuten vorbereitet. Zugleich betont das Ministerium, dass eine Walsichtung allein kein Grund für hoheitliche Eingriffe ist – Wale sind geschützte Wildtiere.
Ob Hartwin den Weg zurück in die Nordsee findet oder das gleiche Schicksal wie Timmy erleidet, ist offen. Die Ostsee ist für Buckelwale denkbar ungeeignet – zu flach und nahrungsarm. Dass sich dennoch immer wieder Tiere hierher verirren, könnte mit der wachsenden Population zusammenhängen. Der Wal-Experte Andreas Pfander bleibt vorsichtig: „Auf den ersten Bildern schien der Blas etwas schwach, nach einer Videosequenz aus Ekensund scheint er sich aber erholt zu haben.“ Hartwins jüngstes Auftauchen vor Heiligenhafen und Kiel deutet indes nicht auf eine Besserung hin.





