38 Tote in einem Jahr – DVR schlägt Alarm
Die Polizei registrierte 2025 deutschlandweit 16.496 E-Scooter-Unfälle mit Personenschaden – ein Anstieg um 38,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 38 Menschen kamen ums Leben, 1.895 wurden schwer verletzt. Das gab das Statistische Bundesamt (Destatis) am 16. Juli 2026 bekannt. Besonders alarmierend: Mehr als die Hälfte der Verunglückten war jünger als 25 Jahre, und 2.200 Unfallopfer waren unter 15 Jahre alt – obwohl das gesetzliche Mindestalter bei 14 Jahren liegt.
Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) reagierte noch am selben Tag mit deutlichen Forderungen. Präsident Manfred Wirsch präsentierte einen Maßnahmenkatalog, der die Verkehrspolitik vor eine neue Regulierungsdebatte stellt.
„Wir müssen sicherstellen, dass alle, die mit einem E-Scooter unterwegs sind, die wichtigsten Regeln kennen und ihr Fahrzeug sicher beherrschen. Deshalb brauchen wir einen Befähigungsnachweis, vergleichbar mit der Mofa-Prüfbescheinigung.“
Befähigungsnachweis wie für Mofas gefordert
Der DVR fordert für alle E-Scooter-Nutzer ohne Führerschein einen verpflichtenden Befähigungsnachweis. Dieser soll eine theoretische Prüfung zu Verkehrsregeln sowie eine praktische Fahrkontrolle umfassen. Für Jugendliche könnte die Ausbildung in Schulen integriert werden – ähnlich wie bei der Radfahrausbildung. Der TÜV-Verband unterstützte die Forderung und sprach sich für Fahrsicherheitstrainings nach dem Vorbild der schulischen Radfahrausbildung aus.
Zudem verlangt der DVR die Anhebung des Mindestalters von 14 auf 15 Jahre. Hintergrund: 2025 verunglückten 2.200 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren mit dem E-Scooter, vier von ihnen starben. „Wer ein motorisiertes Fahrzeug im Straßenverkehr bewegt, braucht die nötige Reife und Erfahrung. Die Unfallzahlen zeigen deutlich, dass das Mindestalter auf 15 Jahre angehoben werden muss“, so Wirsch.
Hauptunfallursachen: Alkohol und falsche Wegnutzung
Die Statistik zeigt eine klare Mitschuld der Fahrer: Bei 21,6 Prozent der Unfälle wurde die falsche Benutzung von Fahrbahn oder Gehwegen registriert – E-Scooter gehören auf Radwege oder die Straße, nicht auf den Gehsteig. 10,9 Prozent der Unfälle geschahen unter Alkoholeinfluss, ein deutlich höherer Anteil als bei Radfahrern (7,7 %). Bei Zusammenstößen mit Fußgängern trugen die E-Scooter-Fahrer in fast neun von zehn Fällen die Hauptschuld.
Die Hälfte aller Unfälle ereignete sich in Großstädten. 30,5 Prozent waren Alleinunfälle – 16 der 33 getöteten E-Scooter-Fahrer starben ohne Beteiligung anderer Verkehrsteilnehmer. Der DVR fordert deshalb auch bessere Sichtbarkeit: Neue Modelle sollen ab Werk mit gelben Seitenmarkierungsleuchten ausgestattet werden, für Bestandsfahrzeuge sollen Reflektoren an der Lenkstange vorgeschrieben werden.
„Angesichts der alarmierenden Unfallbilanz appelliere ich an Bund und Länder, bei den Regeln für E-Scooter kontinuierlich nachzusteuern. Ein Befähigungsnachweis, ein Mindestalter von 15 Jahren und eine bessere Sichtbarkeit können dazu beitragen, die Zahl schwerer Unfälle wirksam zu senken.“
Kinderchirurgen fordern sogar Helmpflicht und Verbot
Die Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie geht noch weiter: Sie verlangt ein generelles Verbot von E-Scootern für Kinder unter 14 Jahren sowie eine Helmpflicht. „Entgegen der Wahrnehmung als harmloses Spielzeug haben E-Scooter in der Kinder- und Jugendchirurgie das Trampolin als häufigste Ursache für schwere Freizeitverletzungen abgelöst“, erklärte Vorstandsmitglied Joachim Suß. Rund 31 Prozent der E-Scooter-Verletzungen bei Kindern würden als klinisch schwer eingestuft.
Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr kamen bundesweit 462 Radfahrer bei Unfällen ums Leben, viele davon auf Pedelecs. Während dort vor allem Ältere betroffen sind, trifft die E-Scooter-Welle fast ausschließlich Jüngere.
Politik in Zugzwang – erste Schritte bereits beschlossen
Der DVR begrüßt ausdrücklich einige bereits geplante Maßnahmen: Ab 2027 müssen neue E-Scooter mit Blinkern ausgestattet sein, die Verwarngelder für unerlaubte Gehwegnutzung und das Fahren zu zweit wurden erhöht, und der Bundestag verabschiedete am 10. Juli 2026 ein Gesetz zur Gefährdungshaftung – Opfer von Unfällen mit rücksichtslos abgestellten Scootern sollen so leichter Schadenersatz erhalten.
Für einen verpflichtenden Befähigungsnachweis oder eine Altersanhebung gibt es bisher jedoch keine konkreten Gesetzesinitiativen. Verkehrsministerien von Bund und Ländern müssten die Vorschläge aufgreifen. Der DVR erhöht mit seinen Forderungen den Druck – auch mit Blick auf die kommende Verkehrsministerkonferenz im Herbst. Ob es zu einer Führerscheinpflicht für E-Scooter kommt, ist offen.





