Nur 491 Euro mehr: In München ist der Lohnabstand zum Bürgergeld winzig
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Bürgergeld-Debatte

Nur 491 Euro mehr: In München ist der Lohnabstand zum Bürgergeld winzig

Eine vierköpfige Familie mit zwei Vollzeiteinkommen kommt in München auf lediglich 491 Euro mehr als mit Bürgergeld – rund 1,50 Euro pro Arbeitsstunde. Der Blog Michael Behrens spricht von einem schwachen Arbeitsanreiz.

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Focus-Beispielrechnung vergleicht drei Städte

Was, wenn sich Arbeit kaum lohnt? In München bringt eine vierköpfige Familie mit zwei Vollzeitverdienern nach einer Rechnung von Focus Online nur 491 Euro mehr im Monat zur Verfügung als eine Familie, die ausschließlich Bürgergeld bezieht. Das entspricht pro geleisteter Arbeitsstunde rund 1,50 Euro – und das bei 2.500 Euro Bruttoverdienst jedes Elternteils.

Der Journalist Christoph Sackmann hatte am 14. Juli 2026 in einer Beispielrechnung die Einkommenssituation für eine vierköpfige Familie in München, Dortmund und Chemnitz verglichen. Sein Fazit: „Trotz aller Sozialleistungen lohnt sich arbeiten finanziell gesehen für Familien fast immer mehr als Bürgergeld.“

Trotz aller Sozialleistungen lohnt sich arbeiten finanziell gesehen für Familien fast immer mehr als Bürgergeld.
Christoph Sackmann, Journalist und Autor bei Focus Online

Im teuren München stehen Doppelverdienern mit je 2.500 Euro brutto am Ende 4.733 Euro zur Verfügung, während eine reine Bürgergeldfamilie auf 4.242 Euro kommt – die Differenz beträgt nur 491 Euro. In Dortmund sind es mit 4.254 Euro zu 3.039 Euro immerhin 1.215 Euro mehr, und in Chemnitz liegt der Abstand mit 4.153 Euro zu 2.724 Euro bei 1.429 Euro.

Die Rechnung berücksichtigt Nettolöhne, Wohngeld, Kinderzuschlag, Kindergeld und aufstockendes Bürgergeld. Entscheidend sind die angemessenen Unterkunftskosten: Während in Dortmund und Chemnitz deutlich niedrigere Warmmieten anerkannt werden, übernehmen die Jobcenter in München bis zu 2.369 Euro für eine 90-Quadratmeter-Wohnung. Genau hier setzt die Kritik an.

Kritik: 1,50 Euro pro Stunde – ein schwacher Anreiz

Der Blogger Michael Behrens griff den Focus-Artikel noch am selben Tag auf. Er rechnet vor: 491 Euro Mehreinkommen, geteilt durch rund 320 Arbeitsstunden beider Elternteile, ergäben nur etwa 1,50 Euro netto zusätzlich pro Stunde Arbeit. „Muss der Steuerzahler dauerhaft die teuersten Wohnlagen Deutschlands finanzieren, wenn genau diese Steuerzahler selbst längst ins Umland verdrängt wurden?“, fragt er.

Die entscheidende Frage lautet aber: Muss der Steuerzahler dauerhaft die teuersten Wohnlagen Deutschlands finanzieren, wenn genau diese Steuerzahler selbst längst ins Umland verdrängt wurden?
Michael Behrens, Blogger und Journalist

Behrens bemängelt zudem, dass Focus den veralteten Begriff „Bürgergeld“ verwendet – die Leistung heißt seit dem 1. Juli 2026 offiziell „Grundsicherungsgeld“ –, und das gewählte Bruttogehalt von 2.500 Euro liege weit unter dem Median der Vollzeiteinkommen. Es handele sich um ein bewusstes Niedriglohnszenario.

Politische Debatte: Arbeit lohnt sich – aber wie stark?

Die Beispielrechnung erscheint inmitten einer jahrelangen Auseinandersetzung. CSU-Chef Markus Söder hatte schon 2024 fälschlich behauptet, eine Bürgergeldfamilie habe mehr Geld als ein Geringverdiener. Das WSI der Hans-Böckler-Stiftung und das ifo-Institut wiesen dagegen nach, dass Erwerbsarbeit stets mehr einbringt als reines Bürgergeld – wenn auch die Differenz bei niedrigen Löhnen gering sein kann.

WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch warnte: „Die Behauptung, sie wollten nicht erwerbstätig sein, weil sich mit dem Bürgergeld gut leben lasse, ist sachlich falsch und stigmatisierend.“ Dennoch zeigen die Studien, dass die Anreize zur Ausweitung der Arbeitszeit im Niedriglohnsektor „äußerst gering“ sind.

Die Behauptung, sie wollten nicht erwerbstätig sein, weil sich mit dem Bürgergeld gut leben lasse, ist sachlich falsch und stigmatisierend.
Bettina Kohlrausch, Direktorin des WSI der Hans-Böckler-Stiftung

Nicht in der Focus-Rechnung enthalten sind zudem kleinere Leistungen wie die Befreiung vom Rundfunkbeitrag oder das Bildungs- und Teilhabepaket. Die Regelsätze blieben 2026 per Nullrunde unverändert. Neue Maßnahmen wie die geplante 1000-Euro-Entlastungsprämie, die nicht auf das Bürgergeld angerechnet werden soll, könnten den Abstand künftig vergrößern. Gleichzeitig drohen Kürzungen beim Wohngeld – Bauministerin Verena Hubertz will ein Drittel der Haushalte aus der Förderung streichen.

Die Umbenennung in Grundsicherungsgeld hat die grundlegende Spannung nicht gelöst: In Großstädten mit hohen Mieten bleibt der Lohnabstand für Geringverdiener oft marginal. Ob die Politik hier nachsteuert, ist offen.

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