Die Toten von Kotovsk
Sieben Menschen starben noch in der Nacht, ein achter erlag später seinen Verletzungen. Die Nachtschicht im hochautomatisierten Logistikzentrum im russischen Kotovsk wurde von ukrainischen Drohnen überrascht – die Explosionen rissen Arbeiter in den Tod, 25 weitere wurden verletzt. Gleichzeitig brannte das größte Wildberries-Lager in Elektrostal bei Moskau lichterloh. Über 70 Menschen wurden insgesamt verwundet.
Damit schlug der Krieg erstmals mit voller Wucht in Russlands E-Commerce-Riesen ein. Was für Wildberries-Gründerin Tatyana Kim eine „schreckliche Nacht für Russland und das Unternehmen“ war, wird für tausende kleine Händler zur Existenzbedrohung.
Milliardenschaden – und die Verkäufer bleiben darauf sitzen
Die beiden zerstörten Hallen machen nach Schätzungen bis zu 15 Prozent der gesamten Lagerkapazität des fusionierten Konzerns RWB aus. Analysten beziffern den Schaden allein an den Gebäuden auf 21 bis 36 Milliarden Rubel, der Gesamtschaden inklusive Ware dürfte 50 bis 100 Milliarden Rubel übersteigen – umgerechnet bis zu 1,3 Milliarden US-Dollar.
Besonders brisant: Nur elf Tage vor dem Angriff, am 7. Juli 2026, hatte Wildberries seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen aktualisiert und Schäden durch „höhere Gewalt“ neu definiert. Drohnenangriffe, Raketenbeschuss und militärisches Gerät zählen seitdem ausdrücklich dazu. Eine Entschädigungspflicht besteht damit vertraglich nicht.
Nur fünf bis sieben Prozent der Wildberries-Händler hatten überhaupt eigene Versicherungen abgeschlossen, und nur ein Bruchteil dieser Policen deckt Kriegsfolgen ab. Der Kosmetikherstellerin Natalya Plonke brannte nicht nur Ware weg: „Heute ist eine weitere Illusion verbrannt – dass irgendjemand Unternehmer beschützt“, schrieb sie auf Threads.
„Ich weiß nicht, warum diese Heimsuchung über Unternehmer gekommen ist … Millionen, Milliarden Rubel brennen dort. Und wir wissen nicht, ob sie das Geld überhaupt auszahlen werden.“
Selenskyj: Vergeltung für Angriffe auf ukrainische Post
Die Ukraine begründet den Angriff offiziell mit der militärischen Nutzung der Lager. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die Einrichtungen seien zur Lieferung sanktionierter Komponenten für die Drohnenproduktion genutzt worden. Er nannte die Attacke eine direkte Antwort auf die Beschädigung von Logistikstandorten der Nova Poshta durch russische Streitkräfte zwei Tage zuvor.
„Die Angriffe trafen große Logistikeinrichtungen, die zur Lieferung sanktionierter Komponenten für die Drohnenproduktion und Navigationsausrüstung genutzt wurden.“
Tatsächlich waren auf Wildberries sogenannte Dual-Use-Güter gelistet: Körperpanzer, Kampfhelme, Tarnkleidung. Einen öffentlich belegten Kooperationsnachweis mit dem Verteidigungsministerium gibt es jedoch nicht. Der ukrainische Drohnenkommandeur Robert Brovdi nannte ein weiteres Ziel: „Die Illusion eines komfortablen Friedenslebens bei der gehorsamen Bevölkerung des Aggressorstaates zu zerstören – und die empfindlichste Stelle im Gemüt einfacher imperialer Patrioten zu treffen.“
Der Angriff reiht sich in eine Serie immer tiefer ins russische Hinterland getragener Drohnenschläge ein. Erst einen Monat zuvor, am 18. Juni hatten fast 200 Drohnen die Moskauer Ölraffinerie in Brand gesetzt. Die Benzinpreise steigen seither, in mehr als 30 Regionen gelten Verkaufsbeschränkungen.
Wildberries hat inzwischen Notfallhilfen angekündigt: 45 Tage Rabatt auf Lagergebühren, kostenlose Transitlieferungen, eine Sofortentschädigung von zwei Millionen Rubel für die Angehörigen der Toten und eine Million für Schwerverletzte. Die Prüfung weiterer Zahlungen an Händler könne jedoch bis zu 30 Tage dauern. Für viele kommt das zu spät – ihre Ware, ihre Existenz ist in den Flammen aufgegangen, ohne Aussicht auf vollen Ersatz.





