Rund 900 Millionen Euro fließen in den Wiederaufbau des Gazastreifens – doch der Staat, dessen Militäroffensive weite Teile des Küstenstreifens zerstört hat, gibt keinen Cent dazu. Israel beteiligt sich nicht an den Kosten, und auch der von US-Präsident Donald Trump ins Leben gerufene Friedensrat verfügt über nahezu keine Mittel.
Das ist das zentrale Ergebnis der zweiten Geberkonferenz der sogenannten „Palestine Donor Group“ am 13. Juli in Brüssel. 65 Staaten und internationale Organisationen sagten insgesamt 884 bis knapp 900 Millionen Euro für die erste Wiederaufbauphase des Gazastreifens zu. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem „bewegenden Erfolg“.
Wofür das Geld fließen soll
Die zugesagten Mittel sind vor allem für die akute Grundversorgung der notleidenden Zivilbevölkerung vorgesehen. Konkret geht es um den Aufbau von Wasser- und Sanitäranlagen, die Beseitigung von Trümmern und Müll, die Wiederherstellung von Gesundheitssystemen und Krankenhäusern, die Stabilisierung der Energieversorgung sowie den Wiederaufbau von Landwirtschaft und Ernährungssystemen.
Die EU verfolgt dabei einen koordinierenden Ansatz: Statt isolierter Hilfsströme sollen Maßnahmen unter dem Dach der „Gaza-Initiative“ gebündelt werden, um Doppelstrukturen zu vermeiden. Erstmals nahmen auch zentrale palästinensische Akteure teil, darunter Ministerpräsident Mohammed Mustafa und Ali Shaath, Vorsitzender der Übergangsverwaltung in Gaza. Für Trumps Friedensrat (Board of Peace) war der frühere bulgarische Minister und heutige UN-Nahost-Koordinator Nikolaj Mladenow eingeladen.
Deutschland als Großzahler
Die Bundesregierung beteiligt sich mit gut 66 Millionen Euro an dem Hilfspaket – ein im Vergleich zu den meisten anderen Teilnehmerstaaten weit überdurchschnittlicher Beitrag. Deutschland gehört damit zu den größten Geldgebern des Wiederaufbaus. Insgesamt hat die EU seit 1994 nach eigenen Angaben fast 30 Milliarden Euro an Hilfsgeldern für die Palästinenser bereitgestellt.
EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas stellte jedoch klar, dass die weitere Unterstützung an Reformen der Palästinensischen Autonomiebehörde geknüpft ist. "Die Unterstützung der EU ist an Reformen der Autonomiebehörde gekoppelt." Nur wenn die Behörde Reformen umsetze, sollen weitere Gelder fließen. Diese Verknüpfung behandelt die Reformfähigkeit der PA als Teil des Projektrisikos.
„Die Unterstützung der EU ist an Reformen der Autonomiebehörde gekoppelt.“
Ein Friedensrat ohne Geld
Ein zentraler Punkt des Treffens: Der von Trump initiierte „Board of Peace“ verfügt über praktisch keine Mittel. Von den ursprünglich für Trumps 20-Punkte-Friedensplan zugesagten 17 Milliarden US-Dollar ist kaum etwas tatsächlich eingegangen. Die Kassen des Friedensrats sind leer oder ihr Status ist unbekannt.
Der ambitionierte Gaza-Wiederaufbauplan des Friedensrats, den Trumps Schwiegersohn Jared Kushner im Januar 2026 noch als „Free Market Gaza“-Vision mit Küstentürmen und Rechenzentren präsentiert hatte, ist inzwischen auf ein Mini-Pilotprojekt zusammengeschrumpft: ein temporäres Camp mit „tragbaren Kabinen“ in der Pufferzone bei Rafah, verwaltet von Palästinensern mit einer kleinen internationalen Sicherheitstruppe. Selbst dieses Minimalprojekt wird voraussichtlich nicht vor Dezember 2026 realisiert.
Israels Nullbeitrag und Blockade
Israel selbst steuert nach den Recherchen der Jungen Freiheit keinen finanziellen Beitrag zum Wiederaufbau bei – obwohl die israelische Militäroffensive weite Teile Gazas zerstört hat. Die israelische Armee besetzt inzwischen direkt mehr als 60 Prozent des Gazastreifens und hat eine zusätzliche Pufferzone geschaffen. Israels rechtsreligiöse Regierung unter Benjamin Netanjahu blockiert zudem seit Monaten Wiederaufbauarbeiten und hat humanitäre Hilfslieferungen stark eingeschränkt.
Zweifel an der Mittelverwendung
Kritische Stimmen bezweifeln, dass die Mittel tatsächlich vollständig in den zivilen Wiederaufbau fließen. Schon vor dem Krieg seien EU-Milliarden nach Gaza geflossen, ohne dass die Kommission genau beziffern könne, wie viel davon bei den Bedürftigen ankam und ob Teile von der Hamas abgezweigt wurden. „Auch politisch ist Europa nur Zahlmeister, aber kein relevanter politischer Akteur“, kritisiert Michael Thaidigsmann in der Jüdischen Allgemeinen. Die EU-Kommission weigere sich zudem beharrlich, dem FDP-Abgeordneten Moritz Körner Unterlagen offenzulegen, mit denen die Geldflüsse nach Gaza nachvollzogen werden könnten.
Die Konferenz schafft kurzfristig Kapazitäten für Räumung, provisorische Versorgung und erste Infrastrukturmaßnahmen. Ob aus den Zusagen stabile Ergebnisse werden, hängt jedoch von der Sicherheitslage, der israelischen Blockadepolitik und der Reformbereitschaft der palästinensischen Autonomiebehörde ab. Vor den israelischen Wahlen am 27. Oktober 2026 wird mit keinen substanziellen Fortschritten gerechnet – und sollte Netanjahu vor der Wahl eine neue Großoffensive starten, wäre selbst das bescheidene Pilotprojekt des Friedensrats akut gefährdet.
„Das ist ein bewegender Erfolg.“





