Ohne Kernenergie würde die Energiewende unbezahlbar – zu diesem Schluss kommt ein neuer Bericht der OECD-Kernenergieagentur NEA. Das am 2. Juli veröffentlichte Papier durchkreuzt damit die deutsche Energiepolitik, die seit der Abschaltung der letzten Meiler 2023 voll auf Wind und Sonne setzt.
In ihrem Flagship-Bericht „Nuclear Energy Outlook: Global Installed Capacity to 2050 and Beyond“ (NEA No. 7764) warnt die Agentur: Ein Stromsystem ohne Kernkraft werde „prohibitiv teuer“. Zwar seien Windräder und Solaranlagen zunächst günstig, doch mit fortschreitender Dekarbonisierung entfielen fossile Backups, während der Bedarf an Ausgleichsenergie massiv steige. Ohne Atomstrom seien dann enorme Investitionen in Speicher, Netzausbau und Lastmanagement nötig.
Vier Szenarien – nur eines erreicht das COP28-Ziel
Der Bericht entwirft vier globale Ausbauszenarien bis 2050: Das „Low Scenario“ (347 GW) sieht einen Rückgang, das „Current Trends Scenario“ (619 GW) einen vor allem von China und Russland getriebenen Zubau. Nur das „Transformative Scenario“ mit 1.324 GW erreicht das auf der COP28 vereinbarte Ziel einer Verdreifachung der Kernkraftkapazität. Dafür müsste die installierte Leistung mehr als verdreifacht werden – ein Ziel, an das sich bisher nur wenige Länder heranwagen.
Von 12 auf 200 Milliarden Dollar pro Jahr
Die OECD-Staaten müssten ihre jährlichen Investitionen in neue Kernkraft von durchschnittlich 12 Milliarden Dollar im vergangenen Jahrzehnt auf bis zu 200 Milliarden Dollar in den 2030er Jahren steigern – eine fast Verzwanzigfachung. Allein China baut derzeit mehr als 33 der weltweit 70 Gigawatt im Bau befindlicher Leistung.
Als größtes Hindernis identifiziert der Bericht den Mangel an qualifiziertem Personal. Die Experten des Baubooms der 1970er und 1980er Jahre seien längst im Ruhestand, das industrielle Know-how in vielen OECD-Ländern durch jahrzehntelangen Baustopp verkümmert. Auch bei Lieferketten für sicherheitskritische Komponenten gebe es Engpässe.
Laufzeitverlängerung als Schlüssel
Die NEA warnt, dass OECD-Länder über 50 GW an Kernkraftkapazität zu verlieren drohen, weil diese Anlagen noch keine Betriebsgenehmigung bis 2040 erhalten haben. Die Verlängerung der Laufzeiten auf 60 oder sogar 80 Jahre sei essenziell, um zuverlässige CO₂-arme Kapazitäten zu erhalten. Länder wie Schweden modellieren bereits einen Mix aus Kernenergie und Windkraft als kostengünstigsten Pfad.
Small Modular Reactors: Massenproduktion frühestens in den 2040ern
Hoffnungen auf kleine, modulare Reaktoren (SMRs) dämpft der Bericht: Sie könnten im Transformative-Szenario bis 2050 mehr als 150 GW beisteuern, doch die Voraussetzungen für eine Massenproduktion – harmonisierte Regulierung, Fabrikproduktion, gebündelte Nachfrage – seien frühestens in den 2040er Jahren gegeben. Bis 2050 bleibe der Beitrag daher begrenzt.
Geopolitik: China und Russland dominieren den Markt
Rund 80 Prozent aller im Bau befindlichen Kernkraftwerke entstehen derzeit in Nicht-OECD-Ländern. Westliche Anbieter haben eine schwächere Projektpipeline, viele Länder wollen sich aber aus Sicherheitsgründen nicht von russischen oder chinesischen Lieferketten abhängig machen – ein zusätzlicher Hemmschuh für den Ausbau.
„Die Zukunft der Kernenergie wird nicht allein von Ambitionen geformt, sondern von der Fähigkeit, Projekte erfolgreich und in großem Maßstab umzusetzen.“
Deutschland als isolierter Sonderweg
Während bereits 38 Länder eine Erklärung zur Verdreifachung der Kernkraftkapazitäten unterzeichnet haben, hält die Bundesregierung am Atomausstieg fest. Die „Junge Freiheit“ spricht von einem „widerlegten Dogma“. Die NEA-Erkenntnisse setzen die Ampelkoalition unter Druck: Wie die NZZ berichtet, warnen Fachleute vor „prohibitiven Systemkosten“ ohne Kernkraft.
Der globale Strombedarf könnte sich bis 2050 nahezu verdoppeln – getrieben durch E-Mobilität, Wärmepumpen und vor allem energiehungrige KI-Rechenzentren. Ohne eine steuerbare Grundlastquelle wie Kernenergie drohen Versorgungslücken und explodierende Preise, gerade in Deutschland, das heute schon hohe Strompreise und Netzengpässe kennt.





