Das perfide System der „Assistentinnen“
Es war ein ausgeklügeltes System psychischer und physischer Kontrolle, das der verstorbene Sexualstraftäter Jeffrey Epstein über Jahre aufrechterhielt. Eine ehemalige Assistentin, die sich „Anya“ nennt, enthüllte in einem BBC-Exklusivbericht die perfiden Methoden des Finanziers. Demnach lebten rund ein Dutzend junger Frauen gleichzeitig in seinen Wohnungen – ohne eigenes Konto, ohne Krankenversicherung, rund um die Uhr verfügbar und regelmäßig Opfer sexueller Übergriffe.
Epstein selbst habe seine Organisation oft als „Kult“ bezeichnet, mit ihm als Anführer. Die Frauen durften das Haus nur mit Erlaubnis verlassen; unerlaubtes Verlassen führte zu Tobsuchtsanfällen. Telefonate wurden überwacht, Kontakte kontrolliert und belastendes Material wie Nacktfotos als Druckmittel gesammelt. Dazu zwang Epstein die Frauen, Dankesbriefe zu schreiben – eine perfide Taktik, die spätere Anschuldigungen moralisch erschweren sollte.
Der Weg in die Abhängigkeit
Anya, eine russische Absolventin und ehemaliges Model, geriet über den Scouts Daniel Siad an Epstein. In Paris lockte er sie mit dem Versprechen, ihre Karriere zu fördern. Beim ersten Treffen in seiner Luxuswohnung verlangte Epstein, sie solle sich ausziehen – sie sei „nicht in Form“. Gleichzeitig stellte er persönliche Fragen, erkannte ihr Misstrauen und versicherte, kein sexuelles Interesse zu haben. „Ich dachte, dieser Mann sei unglaublich, er durchschaut mich komplett“, erinnert sich Anya.
Es folgte ein fast einjähriger Grooming-Prozess: Epstein verlangte Fortschrittsfotos – auch nackt – und inszenierte ein Treffen mit der Modelagentur Next Management, die Anya bereits abgelehnt hatte. Das Treffen dauerte keine 30 Minuten, sollte aber ihre Abhängigkeit zementieren. Als die Modelkarriere endgültig scheiterte, bot Epstein ihr eine Stelle als Assistentin an: „Ich bringe dir ein richtiges Business bei.“
Das herausgeschnittene Tattoo – körperliche Entstellung
Ein besonders brutales Beispiel für Epsteins Kontrollwahn ist der Umgang mit Anyas kleinem Bauch-Tattoo. Weil es ihm missfiel, ließ er einen Arzt kommen, der die tätowierte Haut chirurgisch entfernen sollte. Eine Laserbehandlung lehnte Epstein ab – sie dauere „zu lange“. Stattdessen wurde die Haut ohne Betäubung herausgeschnitten. Der Eingriff hinterließ sichtbare Narben und musste später wiederholt werden, weil das Tattoo erneut durchwuchs. Im BBC-Interview zeigt Anya ihre Narben und alte Modelfotos, auf denen das Tattoo noch zu sehen ist.
Die Pflicht zur Rekrutierung: Ein sich selbst erhaltendes System
Am meisten belastet Anya die Tatsache, dass sie selbst weitere junge Frauen für Epstein rekrutieren musste. Jede Assistentin war verpflichtet, mindestens eine neue Frau anzulocken – so wuchs das System unaufhörlich. Ein Fluchtversuch einer anderen Assistentin zeigte die Härte der Kontrolle: Epstein ließ sie von einem Privatdetektiv aufspüren und präsentierte eine angebliche Schuldenforderung über 700.000 US-Dollar. Die Botschaft war klar: Wer geht, wird verfolgt und ruiniert.
Nach Epsteins Tod 2019 stand sein Bruder Mark vor Anyas Tür und forderte sie zum Auszug auf. Sie verlor ihr Zuhause, gewann aber ihre Freiheit zurück. „Ich kämpfe immer noch damit, zu akzeptieren, dass ich jahrelang missbraucht wurde“, sagt sie. „Ich war nicht an eine Tür gekettet, aber die Ketten waren da.“
„He was very good at just decimating your ability to make your own decisions and have your own autonomy. And it made you more and more dependent on him.“
Anyas Schilderungen decken sich mit Aussagen von Sarah Kellen, einer weiteren Ex-Assistentin, die Anfang 2026 vor dem Oversight Committee des US-Repräsentantenhauses aussagte. Kellen bestätigte die systematische Zerstörung von Autonomie und Selbstbestimmung. Die Psychologin Dr. Tara Quinn-Cirillo betont, dass auch Erwachsene für solches Grooming anfällig sein können – ein Vorurteil, das vielen Opfern schade.
Sowohl Anya als auch Sarah Kellen erhielten später Entschädigungen aus dem Epstein Victims’ Compensation Fund. Mit ihrer Geschichte will Anya anderen Betroffenen zeigen, wie Kriminelle auch das Vertrauen von Erwachsenen schleichend erlangen und in missbräuchliche Beziehungen treiben können. Obwohl Epstein tot ist, bleibt die Frage nach der Verantwortung seiner Komplizen und Helfer offen.





