Rund 150 Demonstrierende, Regenbogenflaggen und „Protect Trans-Kids“-Plakate vor dem Hörsaal – und drinnen eine umstrittene Vorlesung, die stattfindet: An der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) eskalierte am Dienstag ein seit Tagen schwelender Konflikt um die Wissenschaftsfreiheit. Trotz massiver Proteste und Forderungen nach Entlassung von Prof. Dr. Ute Johanna Bayen ließ die Hochschulleitung die Vorlesung „Entwicklung von Trans-Identität“ nicht nur zu, sondern verlängerte sie sogar für eine anschließende Diskussion.
Eine E-Mail und ein Demo-Aufruf
Bereits am 17. Juli hatte ein Instagram-Posting mehrerer Studierendenverbände den Konflikt öffentlich gemacht. Der Sozialistisch-Demokratische Studierendenverband (SDS), die Juso-Hochschulgruppe, Campusgrün und zunächst auch der RCDS riefen zu einer Demonstration gegen die Vorlesung auf. Der Aufruf zitierte aus einer internen E-Mail von Bayen, in der die Professorin das Wort „Trans-Ideologie“ verwendet und deren Verbreitung als Gefahr für Jugendliche dargestellt haben soll. Später distanzierte sich der RCDS von den radikaleren Forderungen: Man wolle die Vorlesung „mit einem kritischen Auge“ begleiten, aber keine Entlassung.
Entlassung, Hausverbot und Prüfung gefordert
Deutlich weiter gingen das Autonome TINBy-Referat und der AStA der HHU. Sie forderten die sofortige Entlassung der Professorin, ein Campusverbot sowie eine Überprüfung aller ihrer Aussagen auf wissenschaftliche Fundiertheit. In einer Mitteilung hieß es, die HHU rühme sich mit Vielfalt, lasse aber „transphobe Veranstaltungen“ zu. Dass kurz nach dem Campus-CSD und noch vor dem Abhängen der Regenbogenflagge von der Vorlesung erfahren worden sei, zeige die Inkonsequenz der Universität.
„Es ist nicht akzeptabel, jemanden im Vorfeld zum Schweigen zu bringen.“
HHU-Rektorin Anja Steinbeck wies die Forderungen umgehend zurück. „Eine Absage der Vorlesung oder personalrechtliche Konsequenzen sind nicht vorgesehen“, ließ sie bereits am Montag mitteilen. Im WELT-TV-Interview am Dienstagmorgen bekräftigte sie: Wissenschaftlichen Argumenten müsse man mit wissenschaftlichen Argumenten begegnen, nicht mit Verboten. Das Wort „Trans-Ideologie“ könne verletzend sein, räumte sie ein, doch die geforderten Konsequenzen seien „unverhältnismäßig“.
Vorlesung trotz Protesten – und mit Diskussion
Am Dienstagmorgen versammelten sich laut Polizei etwa 150 Menschen vor dem Hörsaal, die Rheinische Post sprach von Hunderten. Unter Regenbogen- und Trans-Flaggen wurden Reden gehalten, Bayens Thesen als „diskriminierend“ bezeichnet. Die Vorlesung selbst begann wie geplant. Sie wurde laut Steinbeck sogar verlängert, um eine Diskussion zu ermöglichen. Bis zum Mittag waren der Hochschulleitung keine diskriminierenden Äußerungen aus der Veranstaltung bekannt.
„Ich kann nachvollziehen, dass die Betroffenen Probleme haben mit dem Wort Trans-Ideologie – die geforderten Konsequenzen, Campusverbot, Entlassung waren aus Sicht der Hochschulleitung allerdings unverhältnismäßig.“
Prof. Bayen wies die Vorwürfe bereits am Montag gegenüber der Rheinischen Post zurück. „In meiner Arbeit an der Universität diskriminiere ich selbstverständlich keine einzelnen Menschen oder Menschengruppen“, sagte sie. Ihre Vorlesung vermittle lediglich einen Überblick über den Forschungsstand samt Kontroversen und Forschungslücken.
„In meiner Arbeit an der Universität diskriminiere ich selbstverständlich keine einzelnen Menschen oder Menschengruppen. Auch in meinem persönlichen Leben sind Menschen jeder Identität willkommen.“
Parallelen zur Debatte um Marie-Luise Vollbrecht
Der Konflikt weckt Erinnerungen an die hitzige Auseinandersetzung um die Biologin Marie-Luise Vollbrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2022 war ein Vortrag Vollbrechts zur Zweigeschlechtlichkeit nach massiven Protesten zunächst abgesagt worden – und löste eine bundesweite Diskussion über Cancel Culture und die Grenzen der Wissenschaftsfreiheit aus. Anders als damals in Berlin ließ Rektorin Steinbeck die Veranstaltung nun stattfinden und verteidigte sie öffentlich.
Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit lobte die Haltung der HHU und forderte seinerseits ein Campusverbot – für die Protestierenden. Die Studierendenvertretungen kündigten an, die Kritik an Bayens Thesen fortzusetzen. Ob es ein disziplinarisches Nachspiel gibt, ist offen.





