Während die Spritpreise auf ein neues Rekordniveau zulaufen, erteilt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) jeglichen staatlichen Hilfen eine Absage. Stattdessen präsentierte sie am Mittwoch ihre mit Spannung erwartete Startup- und Scaleup-Strategie – und erntete dafür umgehend scharfe Kritik. Das 152 Maßnahmen umfassende Papier steht vollständig unter Finanzierungsvorbehalt und verknüpft erstmals die kapitalgedeckte Altersvorsorge mit Wagniskapital.
„Zwei Prozent in Startups“ – Rentengelder als Risikokapital
Im Kern will Reiche Pensionsfonds dazu bewegen, einen kleinen Teil ihrer Portfolios in junge Unternehmen zu investieren. „Viele deutsche Pensionsfonds sind im Minus. Viele deutsche Pensionsfonds verlieren jedes Jahr Geld“, sagte sie im RTL/ntv-„Frühstart“. Andere europäische Fonds hingegen erzielten acht bis zehn Prozent Rendite, „weil sie einen ganz kleinen Teil ihres Kapitals, zwei Prozent, in Startups und in den Kapitalmarkt investieren“. Wer diesen Weg gehe, komme „am Ende besser raus und sichert die Rente viel, viel besser, als wir das derzeit in Deutschland tun“.
„Viele deutsche Pensionsfonds sind im Minus. Andere europäische Fonds erzielen acht bis zehn Prozent Rendite, weil sie zwei Prozent in Startups investieren.“
Als Vorbild nannte Reiche die USA, wo Gewinne aus Startup-Beteiligungen direkt bei den Rentnern ankämen. Deutsche Wachstumsunternehmen sollten hierzulande bleiben und zugleich „eine wesentliche Säule“ für die Altersvorsorge werden. Ein entsprechendes Gesetz soll laut Strategie bis Jahresende kommen.
1,3 Milliarden Euro für Rüstungs-Startups – und der Staat steigt ein
Das eigentlich Neue der Strategie: Der Bund plant erstmals direkte Staatsbeteiligungen an Startups aus dem Sicherheits- und Verteidigungssektor. „Der Staat ist bestimmt nicht der bessere Unternehmer, aber er ist ein guter Ankerkunde“, rechtfertigte Reiche den Schritt. Der Krieg in der Ukraine führe jeden Tag brutal vor Augen, dass sich ein Land verteidigen müsse. Bereits 2025 flossen über 1,3 Milliarden Euro in Defence-Tech-Startups – im ersten Halbjahr 2026 kamen laut EY-Barometer weitere 579 Millionen Euro hinzu.
„Der Staat ist bestimmt nicht der bessere Unternehmer, aber er ist ein guter Ankerkunde.“
Insgesamt arbeiten derzeit 522.000 Menschen in Startups, mit indirekten Effekten sind es 1,6 Millionen Arbeitsplätze. Allein im ersten Halbjahr 2026 gab es mehr als 5.000 Neugründungen – ein Plus von 53 Prozent. Ab 2027 soll zudem der Kündigungsschutz für Hochverdiener mit einem Bruttojahreseinkommen oberhalb von rund 177.450 Euro gelockert werden, um Unternehmen mehr Flexibilität zu geben.
„Handwerklich zu schwach“ – Opposition und Branche uneins
Die Strategie stieß auf ein geteiltes Echo. Während der Bundesverband Deutsche Startups die Anerkennung der Branche begrüßte, fiel das Urteil der Opposition vernichtend aus. Die Grünen-Abgeordnete Katharina Beck monierte: „Endlich da, aber viel zu spät und handwerklich viel zu schwach.“ Ohne klare Ziele und verbindliche Zeitpunkte sei das Papier „keine Strategie, sondern eine unkreative, unverbindliche Maßnahmenliste“. Auch das Versprechen der 24-Stunden-Gründung aus dem Koalitionsvertrag sei sang- und klanglos verschwunden.
„Endlich da, aber viel zu spät und handwerklich viel zu schwach. Ohne klare Ziele und verbindliche Zeitpunkte ist das keine Strategie, sondern eine unkreative, unverbindliche Maßnahmenliste.“
Investor Christian Miele (CDU) zeigte sich verhaltener: „Gut, dass die Startup- und Scaleup-Strategie jetzt endlich kommt. Das war überfällig.“ Inhaltlich mache sie wichtige Punkte, trotz vieler Prüfaufträge. Ab morgen müsse es „um die ambitionierte Umsetzung gehen“. Derweil mahnte Beck, der einseitige Fokus auf Defence sei ein strategischer Fehler – KI und Green Tech kämen kaum vor.
„Gut, dass die Startup- und Scaleup-Strategie jetzt endlich kommt. Das war überfällig. Inhaltlich macht die Strategie wichtige Punkte.“
Ob die Maßnahmen vollständig umgesetzt werden, hängt am Bundeshaushalt. Ein ausgebauter Deutschlandfonds soll zwar bis zu 130 Milliarden Euro an privatem Kapital mobilisieren, doch viele Vorhaben stehen unter Finanzierungsvorbehalt. Reiche kündigte für Ende des Jahres ein Gesetz an, das Gründen digital vereinfacht – die einst versprochene 24-Stunden-Gründung ist damit endgültig vom Tisch.





