Der stille Paukenschlag
Ohne Pressekonferenz oder offizielle Pressemitteilung hat die Women's Tennis Association (WTA) am Wochenende eine radikale Änderung ihrer Teilnahmeberechtigung für Frauenturniere vollzogen. Wie der Tennis-Journalist Ben Rothenberg am 19. Juli 2026 zuerst berichtete, wurde die neue „Women's Eligibility Policy“ still auf der WTA-Website veröffentlicht und trat drei Tage später, am 21. Juli, in Kraft.
Der Test und seine Folgen
Die Regel schreibt einen einmaligen Gentest für sämtliche Spielerinnen vor, die an WTA-Turnieren teilnehmen wollen – inklusive der vier Grand-Slam-Turniere. Getestet wird auf das SRY-Gen, einen DNA-Abschnitt auf dem Y-Chromosom, der beim Embryo die männliche Geschlechtsentwicklung einleitet. Der Test kann per Wangenabstrich, Blut- oder Speichelprobe erfolgen und wird von der WTA bezahlt.
Laut Definition der WTA gilt eine Person mit SRY-Gen als „biologisch männlich“, unabhängig von rechtlichem Geschlecht oder Identität. Ein positives Testergebnis führt grundsätzlich zum Ausschluss von Frauenturnieren. Nur wer eine vollständige Androgenresistenz (CAIS) oder eine andere anerkannte Variation der Geschlechtsentwicklung (DSD) nachweisen kann, darf weiter antreten.
Spielerinnen müssen zudem ein Dokument unterzeichnen, in dem sie die möglichen Folgen einer Testverweigerung anerkennen.
„Ich erkenne an, dass die WTA Disziplinarmaßnahmen gegen mich ergreifen kann, wenn ich mich weigere, den Gentest durchzuführen … dies kann zu einer Sperre für WTA-Turniere führen, was dazu führen kann, dass der Grund für meine Nichtteilnahme öffentlich bekannt wird oder Gegenstand öffentlicher Spekulationen ist.“
Was vorher galt
Bis zum 20. Juli 2026 erlaubte eine überarbeitete Policy von Oktober 2024 noch die Teilnahme von Transfrauen, sofern sie eine schriftliche Erklärung zu ihrer weiblichen Identität abgaben und ihren Testosteronspiegel mindestens 24 Monate lang unter 2,5 Nanomol pro Liter hielten. Chirurgische Eingriffe oder eine rechtliche Anerkennung waren ausdrücklich nicht erforderlich.
Ein Test ohne Anwendungsfall
Dabei gibt es derzeit keine bekannten Transfrauen auf der WTA-Tour oder im professionellen Frauentennis überhaupt – die letzte war Renée Richards vor fast einem halben Jahrhundert. Kritiker sehen die Maßnahme deshalb als politisch motiviert und warnen, dass sie vor allem intersexuelle cis-Frauen treffen wird.
Die wahren Betroffenen: Intersexuelle Frauen
Menschenrechtsorganisationen und Mediziner verweisen auf Frauen mit XY-Chromosomen – etwa bei Swyer-Syndrom oder vollständiger Androgeninsensitivität (CAIS) – die als Mädchen geboren werden und oft nicht wissen, dass sie intersexuell sind. Wie The 19th berichtet, droht ihnen nun die gleiche öffentliche Bloßstellung wie einst Caster Semenya oder Imane Khelif, die nach gescheiterten Tests massiv attackiert wurden.
Gespaltene Tenniswelt
Die Reaktionen fallen kontrovers aus. Tennis-Ikone Martina Navratilova sieht in dem Test nichts Diskriminierendes: „Es geht um Fairness im Frauensport.“ Die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka äußerte sich ähnlich. Dagegen bezeichnete Billie Jean King den Ausschluss von Trans-Athletinnen als Diskriminierung. Die WTA folgt mit der Regel dem IOC, das bereits im März 2026 eine SRY-Testpflicht für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles einführte. Das IOC hatte 2021 noch erklärt, Transfrauen hätten keinen unfairen Vorteil, vollzog aber unter der neuen Präsidentin Kirsty Coventry eine Kehrtwende – offenbar auch auf Druck der Trump-Administration, die mit der Vergabe der Spiele 2028 ein gewichtiges Druckmittel besitzt.
Die Testungen haben nach WTA-Angaben bereits begonnen und werden von einem „umfassenden Spielerinnen-Informationsprogramm“ begleitet. Ob die Regel vor Gericht Bestand hat, bleibt offen – ebenso wie die Frage, wie viele Spielerinnen von einem positiven Ergebnis überhaupt betroffen sein werden.





