Hubertus Knabe: „In der AfD steckt viel DDR“
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DDR-Hymnen-Eklat

Hubertus Knabe: „In der AfD steckt viel DDR“

Nachdem AfD-Chef Chrupalla bei einer Wahlkampfveranstaltung die DDR-Hymne sang, zieht der Historiker in einem Gastbeitrag für Focus systematische Parallelen zwischen AfD-Programmatik und SED-Diktatur.

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Beim gemeinsamen Singen der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ mit Hunderten Besuchern hat AfD-Chef Tino Chrupalla am 15. Juli in Dessau-Roßlau für einen Eklat gesorgt. Der Historiker Hubertus Knabe sieht darin kein Versehen, sondern belegt in einem Gastbeitrag für Focus, dass zentrale AfD-Positionen an die SED-Diktatur erinnern.

Die DDR-Hymne im Wahlkampf

Zum Abschluss einer Podiumsdiskussion mit dem sachsen-anhaltischen Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund bat Chrupalla den anwesenden Kabarettisten Uwe Steimle, die deutsche Nationalhymne anzustimmen. Stattdessen intonierte Steimle die DDR-Hymne – und Chrupalla sowie Siegmund stimmten lächelnd mit ein. Chrupalla verteidigte dies später: „Die DDR-Hymne ist nicht verboten – und ich finde deren Text schön und ansprechend.“

Die DDR-Hymne ist nicht verboten – und ich finde deren Text schön und ansprechend.
Tino Chrupalla (AfD-Bundesvorsitzender)

Scharfe Kritik kam von Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU), der den Vorfall „extrem befremdlich“ nannte: „Und es gilt insbesondere dann, wenn das von politischen Repräsentanten gemacht wird, die damit ja ganz offensichtlich auch politische Botschaften verbinden möchten.“ Der Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Johannes Beleites, sprach von einer „Missachtung der Opfer der SED-Diktatur“ und betonte: „Die Hymne der DDR war die Hymne einer Diktatur.“

Die Hymne der DDR war die Hymne einer Diktatur. Ich finde es sehr irritierend, dass sie am Ende einer Wahlkampfveranstaltung einer Partei, die den Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt stellen möchte, gesungen wird.
Johannes Beleites (Beauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Sachsen-Anhalt)

Systematische Parallelen

In seinem Focus-Gastbeitrag argumentiert Knabe, die AfD-Programmatik weise frappierende Ähnlichkeiten zur DDR auf – vor allem in der Russland-Politik. Die Partei fordere ein „sofortiges Ende der Wirtschaftssanktionen“ und den Stopp aller Waffenlieferungen an die Ukraine. Chrupalla, der kürzlich Putins Wirtschaftsforum in St. Petersburg besuchte, erklärte im ZDF-Sommerinterview 2025: „Ich sehe Russland nicht als Feind.“ Schon die DDR habe die „ewige Freundschaft“ mit Moskau beschworen – 1974 wurde das „enge und brüderliche Bündnis“ sogar in die Verfassung geschrieben.

Auch der Anti-Amerikanismus der AfD erinnere an die SED-Agitation. Thüringens AfD-Chef Björn Höcke bezeichnete Westdeutsche als „deutsch sprechende Amerikaner mit Ersatzidentität“. Walter Ulbricht fragte 1965 das ZK: „Ist es denn nun wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen?“

Ist es denn nun wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.
Walter Ulbricht (SED-Chef und DDR-Staatsratsvorsitzender, 1965)

Die AfD-Rhetorik von „System-“ und „Kartellparteien“ sei ebenfalls ein Echo der DDR-Propaganda, die behauptete, die Bundestagsparteien betrieben „allesamt dieselbe Unterdrückungspolitik im Interesse des Kapitals“. In der Familienpolitik wiederum setze die AfD auf DDR-ähnliche Anreize: ein zinsloses „Baby-Willkommensdarlehen“ von 10.000 Euro, das Eltern mit weiterem Nachwuchs „abkindern“ können.

DDR-Nostalgie und Stasi-Vergangenheit

Knabe verweist auf eine bemerkenswerte DDR-Nostalgie in ostdeutschen AfD-Kreisen. Alexander Gauland lobte die verstaatlichte Kinderbetreuung der DDR; Bundestagsabgeordneter Klaus Stöber befand 2022: „Manches in der DDR war gar nicht so schlecht.“ Bei den Landtagswahlen 2019 warb die AfD im Osten mit Parolen wie „Vollende die Wende“.

Auch personell gebe es Kontinuitäten: Der parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, Enrico Komning, diente 1989 im Stasi-Wachregiment. In Brandenburg sitzen mit Falk Janke und Peter Drenske zwei weitere ehemalige Wachregiment-Angehörige im Landtag. Dieter Laudenbach (Thüringen) war Inoffizieller Mitarbeiter, Frank-Ronald Bischoff (Sachsen-Anhalt) ehemaliger Stasi-Offizier.

Landtagswahl als Kulisse

Der Vorfall fällt mitten in den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, wo am 6. September ein neuer Landtag gewählt wird. Die AfD liegt in Umfragen mit rund 40 Prozent deutlich vor der CDU. Der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Landesverband setzt auf ein 100-Tage-Programm mit Arbeitspflicht für Asylbewerber und der Kündigung des Rundfunkstaatsvertrags. Chrupalla nahm Spitzenkandidat Siegmund auf der Bühne in die Pflicht: „Er wird liefern müssen.“

Rechtsextremismus-Experte David Begrich sieht das Singen der DDR-Hymne als Teil der Wahlkampfstrategie: Es gehe um einen „instrumentellen Zugriff auf die zeitgeschichtliche Erfahrung der Ostdeutschen“. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ergänzt, autoritäre Kräfte versprächen die Wiederbelebung einer vermeintlich besseren Vergangenheit – wobei DDR-Nostalgie und die Behauptung, heute in einer „DDR 2.0“ zu leben, widersprüchlich nebeneinanderstünden.

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