53.598 Visa zum Familiennachzug hat das Auswärtige Amt im ersten Halbjahr 2026 erteilt. Diese Zahl konterkariert die vollmundigen Ankündigungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) aus dem Wahlkampf 2025. Beide hatten die vollständige Aussetzung des Familiennachzugs versprochen – die Realität sieht anders aus.
Die nackten Zahlen: Kein Stopp, nur ein leichter Rückgang
Journalist Björn Harms veröffentlichte die exklusiven Daten auf X. Demnach liegen die 53.598 Visa für das erste Halbjahr 2026 nur moderat unter den 57.000 des Vorjahreszeitraums und den 63.637 des ersten Halbjahres 2024. Hochgerechnet bedeutet das für das Gesamtjahr 2026 erneut über 100.000 Personen, die allein über diesen Kanal nach Deutschland einwandern – eine Größenordnung, die der Einwohnerzahl von Kaiserslautern entspricht. 2025 erteilte die Bundesregierung insgesamt 128.358 Visa zum Familiennachzug.
Merz' und Söders großes Versprechen – und was daraus wurde
Im April 2025, einen Monat vor Amtsantritt, schrieb Merz auf X: „Wir ordnen und steuern Migration besser, beenden irreguläre Zuwanderung, setzen den Familiennachzug aus.“ Söder legte in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ nach: „Der Familiennachzug wird ausgesetzt.“ Beide erweckten den Eindruck eines umfassenden Stopps. Tatsächlich beschloss der Bundestag am 27. Juni 2025 mit 444 Ja-Stimmen ein Gesetz, das lediglich den Nachzug zu subsidiär Schutzberechtigten für zwei Jahre aussetzt – also für jene, die weder Asyl noch vollen Flüchtlingsstatus haben, aber etwa vor Folter oder Todesstrafe fliehen mussten. Das Gesetz trat am 24. Juli 2025 in Kraft.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) verteidigte das Gesetz im Bundestag mit den Worten: „Wir schreiben das Wort Begrenzung wieder ins Aufenthaltsrecht rein.“ Die SPD stimmte nur widerwillig zu: Ihre Integrationsbeauftragte Natalie Pawlik sprach von einer schweren Entscheidung für die Partei.
Nur eine Teilgruppe betroffen – der Rest läuft weiter
Die Aussetzung betrifft ausschließlich Menschen mit subsidiärem Schutz. Der Familiennachzug zu anerkannten Flüchtlingen, Asylberechtigten, Fachkräften, Studierenden oder deutschen Staatsbürgern blieb unangetastet. In Deutschland leben fast 400.000 subsidiär Schutzberechtigte, viele aus Syrien. Dennoch zeigt die Auswertung der Bundesregierung für den Zeitraum Januar 2025 bis Mai 2026: Von insgesamt 18.570 Visa für Angehörige von Schutzberechtigten entfielen 7.278 auf den Nachzug zu subsidiär Geschützten – diese wurden meist vor dem Stichtag erteilt oder gehen auf gerichtliche Anordnungen zurück. Die große Mehrheit der 53.598 Halbjahresvisa stammt aus anderen Gruppen: Ehepartner (7.946 Visa), Angehörige türkischer, syrischer und afghanischer Staatsbürger.
„53.598 Familiennachzug-Visa im ersten Halbjahr. Auch in diesem Jahr wird wieder eine ganze Großstadt durch diese Hintertüre einwandern. Die Merz-Regierung hat ihr Wort nicht gehalten. Eine wirkliche Migrationswende gibt es nicht.“
Die AfD-Innenpolitiker unterstrichen die Diskrepanz: Gottfried Curio forderte gegenüber der WELT, den Nachzug zu subsidiär Schutzberechtigten nicht nur auszusetzen, sondern „mit der Ausnahme von Härtefällen gänzlich aufzuheben“. Er warnte, viele Familien könnten die zweijährige Frist einfach „aussitzen“ und ab 2027 wieder einreisen.
Während Dobrindt zeitgleich bei anderen Migrationskennzahlen einen Rückgang illegaler Einreisen um 51 Prozent feierte, bleibt der Familiennachzug als legaler und schwer steuerbarer Zuwanderungsweg bestehen. Die Herkunft der Visuminhaber spiegelt die Asylstruktur: Syrer, Türken und Afghanen führen die Statistik an – letztere stellen EU-weit die größte Asylsuchenden-Gruppe in Deutschland.
Fazit: Versprochen – gebrochen
Die Kluft zwischen politischer Rhetorik und Gesetzesrealität ist eklatant. Von einer umfassenden Aussetzung kann keine Rede sein. Täglich erteilt das Auswärtige Amt rund 300 Familiennachzug-Visa. Ob sich der moderate Rückgang fortsetzt oder nach Ende der befristeten Aussetzung für subsidiär Schutzberechtigte im Juli 2027 wieder anzieht, bleibt offen. Sicher ist: Merz’ vollmundiges Versprechen vom April 2025 entpuppt sich als leere Worthülse.





