Lauterbachs brisante These
Drei Tage nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD hat der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eine neue Debatte entfacht. Auf X teilte er am 28. Juli 2026 einen Ausschnitt eines Phoenix-Interviews mit dem SPD-Innenexperten Sebastian Fiedler – und kommentierte: „Es ist in der Tat sehr auffällig, dass es unmittelbar vor Wahlen mehr Anschläge gibt. Sehr denkbar, dass ausländische Kräfte hier einwirken.“
„Es ist in der Tat sehr auffällig, dass es unmittelbar vor Wahlen mehr Anschläge gibt. Sehr denkbar, dass ausländische Kräfte hier einwirken. Der Kollege Fiedler hat Recht, dass unsere Dienste hier rechtlich besser aufgestellt werden müssen.“
Der Anschlag: IS-Sympathisant tötet CSD-Besucherin
Die Spekulation bezieht sich auf die Anschlagsserie der vergangenen Jahre, vor allem aber auf die Tat vom 25. Juli 2026. An jenem Abend war der polizeibekannte Islamist Abdul Ballout (21) mit einem Transporter in die Besuchermenge des Christopher Street Day am Berliner Tiergarten gerast. Anschließend verletzte er mit einer Machete weitere Menschen. Eine 65-jährige Polin starb, 29 Personen wurden teils schwer verletzt.
Einen Tag später wurde Ballout bei seiner Festnahme von der Polizei erschossen. Auf seinem Handy fand sich ein Bekennervideo zum „Islamischen Staat“ (IS), das am Tattag selbst aufgenommen worden war. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) stufte die Tat als „islamistischen Terroranschlag“ ein.
Fiedlers Vorstoß: Hybride Kriegsführung?
In dem von Lauterbach geteilten Interview hatte Fiedler von einer „heftigen Auffälligkeit seit 2024“ gesprochen: Anschläge in Solingen, Mannheim, München und Berlin hätten sich kurz vor Wahlen ereignet. Er räumte ein, dass man über die Hintermänner wenig wisse, verwies aber auf Russlands „hybride Kriegsführung“ und dessen Kontakte zu dschihadistischen Netzwerken.
„Mein dickstes Fragezeichen ist, ob und inwieweit dies alles Zufall ist.“
Experten: „Keinerlei ernsthafte Hinweise“
Chronologie: Vom Anschlag zur Spekulation
- 25. Juli 2026CSD-Anschlag
Abdul Ballout rast mit einem Transporter in die CSD-Parade, tötet eine 65-jährige Polin und verletzt 29 weitere.
- 26. Juli 2026Täter getötet
Die Polizei erschießt Ballout bei der Festnahme in Berlin-Spandau. Auf seinem Handy wird ein IS-Bekennervideo gefunden.
- 28. Juli 2026Lauterbachs Tweet
Sebastian Fiedler äußert im Phoenix-Interview einen Russland-Verdacht. Karl Lauterbach teilt das Video und spricht von „ausländischen Kräften“.
- 28./29. Juli 2026Experten-Kritik
Führende Terrorismusforscher widersprechen der These und sprechen von „Unsinn“.
Führende Terrorismus-Experten wiesen die Mutmaßung scharf zurück. Peter R. Neumann vom King’s College London schrieb auf X: „Es gibt keinerlei ernsthafte Hinweise, dass dieser Anschlag oder die Anschläge vor der Wahl 2025 aus dem Ausland gesteuert wurden.“ Die Nachrichtendienste hätten das in einigen Fällen selbst klargestellt. „Derartige Spekulationen helfen niemandem. Im Gegenteil: Sie lenken von der eigentlichen Herausforderung ab – und das ist die Bekämpfung des Dschihadismus.“
„Es gibt keinerlei ernsthafte Hinweise, dass dieser Anschlag oder die Anschläge vor der Wahl 2025 aus dem Ausland gesteuert wurden.“
Noch deutlicher wurde Extremismus-Experte Ahmad Mansour: „Wie weit von der Realität muss man eigentlich entfernt sein, um einen solchen Unsinn zu verbreiten?“ Wer sich mit dem Thema befasse, wisse, dass die islamistische Radikalisierung eine reale Herausforderung sei. Auch Hans-Jakob Schindler vom Counter Extremism Project betonte gegenüber dem ZDF, es gebe „absolut keine Hinweise“ auf eine russische Involvierung.
Faktencheck: „Cui-bono-Falle“ und „aus der Luft gegriffen“
Der ZDF-Faktencheck bezeichnete Lauterbachs Mutmaßungen als „aus der Luft gegriffen“; für eine Verbindung nach Russland gebe es weder Belege noch Anhaltspunkte. Der Terrorismusexperte Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung entkräftete zudem das Argument der zeitlichen Nähe zu Wahlen: „2026 haben wir insgesamt fünf Wahlen auf Landesebene, 2027 sind es ebenso vier. Einen Zeitpunkt zu finden, der nicht kurz vor einer Wahl ist, wird schwierig.“
Josef Holnburger vom Think Tank CeMAS warnte vor der „Cui-bono-Falle“: „Nur weil etwas ‚denkbar‘ ist, macht es das noch nicht ‚wahrscheinlich‘.“ Auch andere Politiker und Influencer verbreiteten nach dem Anschlag ähnliche Spekulationen – von der Linkspartei-Politikerin Didem Aydurmus bis zu salafistischen Influencern. Holnburger sieht darin ein Muster: „Wir sehen kurz nach Anschlägen immer wieder sogenannte ‚False-Flag‘-Vorwürfe.“
Bundesinnenminister Dobrindt bekräftigte indes, dass der CSD-Anschlag als islamistischer Terrorakt eingestuft werde – darauf deute „alles“ hin. Die Debatte um eine mögliche ausländische Steuerung dürfte dennoch anhalten.





