Wahlkampfauftakt im Capitol
Am Dienstagabend, dem 28. Juli 2026, startete die CDU Sachsen-Anhalt ihre Wahlkampftour unter dem Motto „Kunst braucht Freiheit“. Im Kino „Capitol“ in Halle traten Ministerpräsident Sven Schulze und der 90-jährige Schauspieler Dieter Hallervorden gemeinsam auf. Doch der Zuspruch blieb hinter den Erwartungen: Die Partei hatte die Veranstaltung als „ausgebucht“ gemeldet, tatsächlich fanden sich nur rund 150 Zuhörer im Ballsaal mit 350 Plätzen ein.
Hallervorden eröffnete den Abend mit einer rüstungskritischen Version von „Bella Ciao“, während auf der Leinwand Bilder von Bundeskanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius zu sehen waren. Die Moderatorin sah sich genötigt, klarzustellen, dass dies nicht die neue Parteilinie der CDU sei.
„Für Merz würde ich keine Werbung machen, bei Sven ist es was anderes.“
Damit machte Hallervorden deutlich, dass sein Engagement nur dem Landesverband und Schulze persönlich gilt. Der Ministerpräsident ließ die Attacken auf den eigenen Kanzler unkommentiert stehen. Friedrich Merz, der im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt bislang ohnehin abwesend ist, wird vor der Landtagswahl am 6. September möglicherweise gar nicht mehr in dem Bundesland auftreten.
Angst vor der AfD-Mehrheit
Der Kern von Hallervordens Engagement ist die Sorge vor einem Wahlsieg der AfD. In Umfragen liegt die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei mit 41 Prozent weit vor der CDU (24 Prozent). Scheitern SPD, Grüne und FDP an der Fünfprozenthürde, könnte die AfD die absolute Mehrheit der Mandate erreichen.
Sonntagsfrage Sachsen-Anhalt
„Das möchte ich unbedingt verhindern“, sagte Hallervorden. Gemeinsam mit den Schauspielern Axel Prahl und Oliver Kalkofe hat er eine überparteiliche Kampagne gestartet, die den Wählern empfiehlt, ihre Stimme CDU, SPD, FDP, Grünen oder Linken zu geben.
„Wenn SPD, Grüne und FDP an der Fünfprozenthürde scheitern, kann die AfD bereits mit 40 Prozent die absolute Mehrheit erreichen. Das möchte ich unbedingt verhindern.“
Kunstfreiheit als Wahlkampfthema
Hallervorden rechnet bei einer AfD-Regierung mit massiven Einschnitten in die Kulturlandschaft. Die Partei will laut Wahlprogramm nur noch Kunst mit Steuergeldern fördern, „die einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet“. Der Schauspieler warnte: „Kreativität würde unter Zensurbedingungen sehr stark eingeschränkt sein. Die Kulturlandschaft würde eintönig, öde und langweilig werden.“
„Die AfD fordert von Kunst und Kultur Folgendes ein: ideologische Eindeutigkeit und patriotische Pflichtbekenntnisse. Damit ist klar, dass Fördermittel nur nach Kriterien des politischen Wohlverhaltens vergeben würden. Kreativität würde unter Zensurbedingungen sehr stark eingeschränkt sein.“
Sven Schulze nahm den Ball auf und betonte, dass er zwar nicht jede Theaterinszenierung möge, der Staat aber keine Inhalte vorschreiben dürfe. „Ich gehe auch ins Theater und ich bin nicht überall begeistert, aber es muss mir auch nicht immer gefallen.“
„Ich möchte nicht, dass aus der Staatskanzlei in Magdeburg vorgegeben wird, was gespielt wird.“
Unerwartete Seitenhiebe
Für einen besonderen Moment sorgte Hallervorden, als er unerwartet nicht den Staat, sondern sogenannte „Wokeness-Gruppen“ als die eigentlichen Einschränker der Meinungsfreiheit bezeichnete. „Sie legen fest, wer sich zum Schämen in die Ecke stellen muss“, sagte er und nannte als Beispiel, dass er den Linken-Politiker Gregor Gysi nicht mehr als klein bezeichnen dürfe – stattdessen müsse man sagen, er sei „vertikal überfordert“. Der Saal quittierte dies mit Gelächter und Applaus.
Deutlich wurden auch tiefe inhaltliche Differenzen beim Thema Rüstung. Der Schauspieler, der als Kind Bombenangriffe erlebte, stellte provokant die Frage: „Warum müssen wir aufrüsten, warum sollten Russland und China uns angreifen?“ Schulze konterte vorsichtig: „Mein Opa hat mir gesagt, du musst immer dafür sorgen, dass wir keinen Krieg mehr kriegen. Gleichzeitig sei es Putin gewesen, der die Ukraine angegriffen habe. Im Ziel des Friedens sei man sich einig, beim Weg dorthin nicht unbedingt.“
Hallervorden, der am 5. September seinen 91. Geburtstag feiert, fasste sein politisches Engagement so zusammen: „Es darf keine Freiheit zur Zerstörung der Freiheit geben. Wenn ich meine Meinung nicht herauslassen könnte, würde ich ersticken.“ Die Tour führt ihn und Schulze nun noch nach Magdeburg, Dessau (3. August) und Naumburg (7. August) – dann im Endspurt zur Landtagswahl am 6. September.





