Sexismus: „Solche Kommentare gibt's bei Habeck und Merz einfach nicht“
Es ist ein schonungsloser Rückblick, den Annalena Baerbock wenige Wochen vor dem Ende ihrer Amtszeit als Präsidentin der UN-Generalversammlung gewährt. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 28. Juli 2026 spricht die 45-Jährige offen über Sexismus in der Politik – und die persönlichen Tiefpunkte ihrer Karriere.
Baerbock schildert, welche üblen Kommentare sie als sichtbare Politikerin regelmäßig über sich ergehen lassen muss. „Dann ist plötzlich die Stimme zu hoch oder die High Heels“, zitiert sie die gängigen Vorwürfe. In sozialen Netzwerken werde sie zudem mit den übelsten Beschimpfungen konfrontiert.
„Dann ist plötzlich die Stimme zu hoch oder die High Heels. Bei Social Media gerne noch mit dem Zusatz: ‚Nutte' oder ‚F*tze'.“
Für Baerbock ist das kein Zufall: „Bei Frauen kommt, egal ob Sport oder Spitzenpolitik, je sichtbarer man wird, immer noch eine zusätzliche Angriffslinie dazu.“ Gut gelaunte, erfolgreiche Frauen in Machtpositionen seien für manche Männer offenbar „der schlimmste Trigger“.
„Solche Kommentare gibt's bei Robert Habeck oder Friedrich Merz einfach nicht.“
Ihr Fazit ist unmissverständlich: „Wir Frauen werden uns nicht dafür entschuldigen.“ Gleichzeitig betont sie, dass konstruktive Kritik und Selbstreflexion für sie essenziell seien – das habe sie noch aus ihrer Zeit als Leistungssportlerin gelernt.
„Wir Frauen werden uns nicht dafür entschuldigen.“
Die „wirklich furchtbarste Phase“ und der rettende Rat
Besonders bewegt hat Baerbock die Zeit, die sie als „die wirklich furchtbarste Phase“ ihrer politischen Laufbahn bezeichnet. „Bewusste Falschdarstellungen und boshafte Diskreditierung“, so beschreibt sie das, was ihr widerfahren sei. In dieser schwierigen Zeit bekam sie von einer anderen Spitzenpolitikerin den Rat, der ihr half zu überleben.
Die nicht genannte Frau, die Baerbock als „eine der machtvollsten Frauen in Europa“ beschreibt, sagte ihr: „Das Ziel ist, Sie kaputtzuschießen. Bleiben Sie jetzt einfach stehen.“ Zudem riet sie, für einige Tage nichts zu lesen und das Handy abzugeben.
„Das Ziel ist, Sie kaputtzuschießen. Bleiben Sie jetzt einfach stehen.“
Auf die Frage, ob sie manchmal „die Schnauze voll“ von der Politik habe, gesteht sie ein: „Es gab Momente, wo ich dachte: Wie lange kann ich das vor allem meinen Kindern noch zumuten?“ Ihre beiden Teenager-Töchter hätten sehr unter dem dauerhaften Medienrummel gelitten. „Eine Mutter im dauerhaften grellen medialen Scheinwerferlicht ist für Kinder alles andere als schön.“
„Es gab Momente, wo ich dachte: Wie lange kann ich das vor allem meinen Kindern noch zumuten?“
Der Verlust ihres „absolut geliebten Jobs“ als Außenministerin brachte immerhin einen Gewinn: ihre Töchter. In New York könne die Familie ein Stück Anonymität zurückgewinnen, anders als in Berlin.
Ein neues Lebenskapitel aufschlagen
Anderthalb Jahre nach dem Aus der Ampel-Koalition blickt Baerbock auch dankbar zurück – und richtet einen überraschenden Dank an Altkanzlerin Angela Merkel. Ohne Merkels Politik wäre sie „wahrscheinlich niemals erste Außenministerin geworden“, so Baerbock. Merkel habe ihr die Tür ins Auswärtige Amt geöffnet.
„Wahrscheinlich niemals erste Außenministerin geworden.“
Im September 2026 endet Baerbocks einjährige Amtszeit als Präsidentin der UN-Generalversammlung. Was danach kommt, lässt sie offen: „Ich will ein neues Lebenskapitel aufschlagen“ – ob in Deutschland, den USA oder anderswo, verrät sie nicht. Klar ist nur: Sie will nicht UN-Generalsekretärin werden, auch wenn sie es für an der Zeit hält, dass nach António Guterres eine Frau das Amt übernimmt. „Acht Jahrzehnte lang war das Amt von Männern besetzt. Es ist Zeit für eine Frau“, fordert sie.
Ihre eigene gescheiterte Kandidatur für einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat sieht Baerbock gelassen: „Personalwechsel bei Regierungswechseln sind absolut normal.“ Ihr überraschender Wechsel von Berlin nach New York habe Deutschland keine Sympathien gekostet.
Annalena Baerbocks Weg zur UN-Spitze
- Dezember 2021Außenministerin
Baerbock wird Außenministerin im Kabinett Scholz.
- November 2024Ende der Ampel
Die Ampel-Koalition zerbricht; Baerbock scheidet aus dem Amt.
- September 2025UN-Präsidentin
Baerbock übernimmt die Präsidentschaft der 80. UN-Generalversammlung.
- 28. Juli 2026SZ-Interview
Baerbock spricht über Sexismus, Familie und Zukunft.
- September 2026Ende der Amtszeit
Ihr einjähriges Mandat als UN-Generalversammlungs-Präsidentin läuft aus.





