Bauer erteilt Selenskyj klare Absage
Eine Woche nach Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine hat Österreichs Europaministerin Claudia Bauer (ÖVP) dem Drängen von Präsident Wolodymyr Selenskyj einen Riegel vorgeschoben. In einem Interview mit der Welt am Sonntag (27. Juli 2026) erteilte sie einem beschleunigten Beitritt eine klare Absage.
Bauer ging mit Selenskyj scharf ins Gericht: „Der ukrainische Präsident ist meinem Eindruck nach in den letzten Monaten häufiger dadurch aufgefallen, dass er der EU am liebsten ein Beitrittsdatum diktieren möchte“, sagte sie dem Blatt. Ein Beitritt per „Deadline-Diktat“ sei nicht hinnehmbar.
„Der ukrainische Präsident ist meinem Eindruck nach in den letzten Monaten häufiger dadurch aufgefallen, dass er der EU am liebsten ein Beitrittsdatum diktieren möchte.“
Ihr zentrales Argument: Alle Beitrittskandidaten müssten dieselben Regeln befolgen. Eine „Zweiklassengesellschaft“, bei der politische Sympathie plötzlich mehr zähle als das übliche Regelwerk, werde es nicht geben. Jedes Land müsse sich den Beitritt durch Leistung verdienen, so Bauer.
„Ein Turbobeitritt auf Antrag geht natürlich nicht.“
Jenseits der politischen Symbolik verwies sie auf handfeste strukturelle Bedenken: Die Ukraine habe etwa 39 Millionen Einwohner und eine „komplett anders ausgeprägte Agrarstruktur“. Ein Beitritt würde die EU maßgeblich verändern. „Man habe die Pflicht, die Aufnahmefähigkeit der Europäischen Union sorgfältig zu bedenken“, mahnte sie.
„Man habe die Pflicht, die Aufnahmefähigkeit der EU sorgfältig zu bedenken. Eine Aufnahme der Ukraine mit 39 Millionen Menschen und einer komplett anders ausgeprägten Agrarstruktur würde die EU maßgeblich verändern.“
Merz schlägt Sonderstatus vor
Chronologie: Der EU-Beitrittsprozess der Ukraine
- Juni 2022EU-Kandidatenstatus
Die Ukraine wird offizieller Beitrittskandidat.
- Februar 2026Selenskyjs Forderung
Präsident Selenskyj fordert einen EU-Beitritt bis 2027.
- Juni 2026Verhandlungsbeginn
Die EU eröffnet in Luxemburg die ersten Beitrittsverhandlungen, zunächst zu Justizreformen und Grundwerten.
- 27. Juli 2026Bauers Absage
Europaministerin Bauer erklärt den Turbo-Beitritt in der „Welt am Sonntag“ für unrealistisch.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hält einen zeitnahen Beitritt für ausgeschlossen. Er brachte stattdessen einen Sonderstatus für die Übergangszeit ins Spiel: Die Ukraine könne demnach an EU-Gipfeln und Ministerräten teilnehmen – allerdings ohne Stimmrecht. Als Vorbild gilt eine Art assoziierte Mitgliedschaft, die Kiew politisch einbindet, ohne die EU-Institutionen zu überfordern.
Die wirklich schwierigen Kapitel – insbesondere die Agrar- und Strukturpolitik – stehen noch bevor. In Brüssel rechnet niemand ernsthaft mit einem Beitritt vor Ende des russischen Angriffskrieges. Frühestens Mitte der 2030er-Jahre sei ein solcher Schritt denkbar, verlautet aus EU-Kreisen.
Internationales Echo
Das Interview schlug international Wellen. Die Financial Times titelte: „Ukraine's EU accession by 2027 ‚unrealistic‘, says Austrian minister“. Auch FOCUS online und die Schweizer Weltwoche berichteten. Die belarussische Nachrichtenagentur News.by sprach gar von einem „Schlag gegen Kiews europäische Integrationsambitionen“.
Mit Bauers Wortmeldung wird Wien zur Bremserin im Brüsseler Erweiterungsprozess – und gibt jenen Mitgliedstaaten Rückendeckung, die eine Erweiterung nur unter strengen Bedingungen unterstützen. Für Selenskyj bedeutet es eine herbe Enttäuschung: Sein Ziel, die Ukraine noch in dieser Dekade in der EU zu sehen, rückt in weite Ferne.





