Rhein-Pegel auf historischem Tiefstand
Am Pegel Kaub, der wichtigsten Engstelle für die deutsche Binnenschifffahrt, wurden am 1. August 2026 nur noch 29 Zentimeter gemessen. So niedrig war der Stand zuletzt im Oktober 2018. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) rechnet für den Folgetag mit einem weiteren Fall auf 22 Zentimeter – das wäre der niedrigste Wert in den seit 1990 verfügbaren Daten. In Köln sank der Pegel auf 68 Zentimeter, einen Zentimeter unter dem bisherigen Rekordtief von 2018. Bei Duisburg-Ruhror wurde mit 153 Zentimetern das historische Tief ebenfalls wieder erreicht.
ZTG warnt: 95 Prozent der Tanker außer Betrieb
Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Zentralverbands des Tankstellengewerbes (ZTG), warnte im „Handelsblatt“ eindringlich vor Versorgungsengpässen: Bei Pegelständen von 32 Zentimetern und weniger könnten etwa 95 Prozent der Tankschiffe nicht mehr fahren. „Viele Routen sind bereits jetzt ab einer bestimmten Fracht nicht mehr möglich„, sagte Ziegner. „Der Rhein ist dann zweigeteilt“ – befahrbar wären nur noch die Abschnitte Basel – Bingen und Koblenz – Rotterdam, dazwischen läge eine unpassierbare Lücke.
„Bei Pegelständen von 32 Zentimetern und weniger könnten etwa 95 Prozent der Tanker nicht mehr fahren.“
Frachtraten explodieren – Spritpreise steigen
Die Frachtraten sind explodiert: Ein Tankschifftransport von Rotterdam nach Karlsruhe kostete laut Ziegner am Mittwoch 145 bis 150 Euro pro Tonne – üblich seien 20 bis 25 Euro. Nach seiner Rechnung verteuert sich Kraftstoff an der Zapfsäule um 0,8 Prozent pro 10 Euro Frachtkostenaufschlag. Für dieselbe Warenmenge werden mehr Schiffe gebraucht, Frachtraum wird knapp, und die Reedereien erheben sogenannte Kleinwasserzuschläge. Bereits Ende Juni 2026 hatten viele Händler ihre Vorräte abgebaut, weil die Steuersenkung auf Kraftstoffe auslief.
Frachtkosten Rotterdam – Karlsruhe pro Tonne
Vergleich Normalzustand und Niedrigwasser
Tanklager leeren sich – Raffinerien in Not
Johannes Guhlke von der Preisberichtsagentur Argus Media berichtet, dass die hohen Frachtkosten Rohstoffe und Kraftstoffbestandteile auf den Routen nach Frankfurt und Karlsruhe bereits deutlich verteuert haben. An vielen Tanklagern in Westdeutschland sei Benzin bereits knapp. Ein zusätzliches Problem: Raffinerien am Rhein müssen Schweröl Richtung Nordsee abtransportieren. Können Schiffe diese Mengen nicht mehr übernehmen, laufen die Lager voll. Dann müssen die Anlagen ihre Produktion drosseln oder ganz stoppen – womit auch weniger Benzin und Diesel aus den Raffinerien käme.
Keine Alternative: Lkw-Fahrermangel und Bahnstrecke gesperrt
Eine Verlagerung auf die Straße ist kaum möglich. „Wir haben einen Mangel an Lkw-Fahrern, und noch weniger haben die erforderlichen Zusatzqualifikationen", erklärte Ziegner. Zudem fehlten die Lkw dann bei der regulären Versorgung der Tankstellen. Auch die Schiene bietet keinen Ersatz. Auf der rechten Rheinseite zwischen Bonn und Mainz läuft seit dem 10. Juli eine Korridorsanierung, die bis Dezember andauert. Die Strecke steht für Güterzüge nicht zur Verfügung. Normalerweise fahren dort täglich 150 bis 200 Güterzüge.
„Wir haben einen Mangel an Lkw-Fahrern, und noch weniger haben die erforderlichen Zusatzqualifikationen.“
Industrie und Wirtschaft alarmiert
Der Spezialchemie-Konzern Evonik erklärte, die niedrigen Wasserstände erschwerten Gütertransporte zum und vom Chemiepark Marl „zusehends". Der Konzern prüft die Verlagerung auf Schiene, Straße und Pipelines, die Produktion laufe aber noch. BASF, für den der Rhein das logistische Rückgrat bildet, hatte das Niedrigwasser 2018 bereits rund 200 Millionen Euro gekostet. Der Konzern setzt auf niedrigwassertaugliche Schiffe und Frühwarnsysteme. Volkswirte schlagen Alarm: Stefan Kooths vom IfW rechnet mit einer Dämpfung des Bruttoinlandsprodukts um 0,1 bis 0,2 Prozent im dritten Quartal. Ocke Hamann von der Niederrheinischen IHK sagte: „Ich mache das seit 45 Jahren. So etwas habe ich noch nicht gesehen."
„Ich mache das seit 45 Jahren. So etwas habe ich noch nicht gesehen.“
Klimawandel als Dauertreiber
Ein WSA-Experte bestätigte gegenüber n-tv, dass die frühe Zuspitzung ungewöhnlich sei. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde erklärte, dass Spätsommer und Herbst die typischen Niedrigwasserzeiten seien – dass im Rhein jetzt schon derart wenig Wasser fließe, sei eine „besondere Situation„. NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) sagte: „Wir sehen durch die extreme Trockenheit, welche wirtschaftlichen Schäden der Klimawandel schon jetzt im Frühjahr anrichtet.“ Kurzfristig könnte nur Regen helfen – doch nach aktuellen Prognosen ist keine Entspannung in Sicht.
Chronologie der Krise
- 10. Juli 2026Korridorsanierung der Bahnstrecke Bonn – Mainz beginnt
Güterverkehr auf der Schiene fällt als Alternative für den Schiffstransport bis Dezember aus.
- 24. Juli 2026Lieferengpässe an Tankstellen in Luxemburg
Niedrigwasser auf Rhein und Mosel führt zu Versorgungsproblemen bei zehn Tankstellen.
- 28. Juli 2026Pegel Kaub fällt auf 30 Zentimeter
IfW warnt vor BIP-Dämpfung um 0,1 bis 0,2 Prozent im dritten Quartal.
- 31. Juli 2026Pegel Kaub erreicht 25 Zentimeter
Einstellung des bisherigen Rekordtiefs vom Oktober 2018.
- 1. August 2026ZTG warnt vor Spritmangel
Nur noch 29 Zentimeter am Pegel Kaub, Köln-Pegel erreicht historisches Tief. 95 Prozent der Tankschiffe fallen aus.





