Ein heftiger Erdstoß der Magnitude 4,7 hat am Freitagabend die Phlegräischen Felder westlich von Neapel erschüttert. Es war das stärkste Erdbeben, das in der dicht besiedelten Vulkanregion jemals registriert wurde. 21 Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer.
Das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) lokalisierte das Epizentrum in nur drei Kilometern Tiefe unter dem Solfatara-Krater. Das US-amerikanische Erdbebeninstitut USGS gab die Stärke mit 4,5 an und verortete das Epizentrum etwa eine Meile nördlich der Stadt Quarto. Dem Spiegel zufolge war es das stärkste Beben, seit die INGV-Aufzeichnungen vor rund 40 Jahren begannen.
Stärkstes Erdbeben seit 40 Jahren
Bislang hatten die stärksten Beben in der Region Magnituden von 4,6 erreicht. Bereits im Mai 2026 und im März 2025 erschütterten Erdstöße der Stärke 4,4 die Gegend und lösten Panik aus. Das aktuelle Beben übertraf diese Werte und war zudem das heftigste, seit die Bradyseismus-Aktivität – die langsame Hebung und Senkung des Bodens – wieder zugenommen hat, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete.
Pozzuoli am schwersten betroffen
Die Küstenstadt Pozzuoli wurde von den Stößen am härtesten getroffen. Mauern und Fassadenteile stürzten herab, Tuffsteinhänge gaben nach. Vom Solfatara-Krater lösten sich hausgroße Felsbrocken und zertrümmerten mehrere geparkte Autos. Der italienische Zivilschutz meldete mehrere eingestürzte, unbewohnte Gebäude.
Das Dach eines Supermarktes knickte ein, in einer Kirche stürzten Teile der Decke herab – in beiden Fällen gab es keine Opfer. Auf der Kraterinsel Nisida brach im dortigen Jugendgefängnis ein Feuer aus, der Strom fiel aus. Die Feuerwehr hatte enorme Schwierigkeiten, die nur über einen schmalen Damm erreichbare Anlage zu erreichen. Insgesamt wurden 21 Menschen verletzt, zwei davon lebensbedrohlich; fünf weitere Verletzte kamen in der Gemeinde Giugliano hinzu.
„Die Wahrheit ist, dass wir ein Glücksspiel spielen: Es ist nicht möglich, mit Sicherheit vorherzusagen, was passieren wird – sei es in Form von Erdbeben oder möglichen Eruptionen. Aber wir setzen darauf, dass abgesehen von einer anhaltenden Seismizität, an die wir uns mittlerweile gewöhnt haben, nichts wirklich Schwerwiegendes passieren wird.“
Panik und Solidarität in der Nacht
Aus Angst vor weiteren Stößen verbrachten zahlreiche Menschen die Nacht auf der Straße, in Zelten oder in ihren Autos. Die Straßen waren stundenlang verstopft, was die Einsätze von Feuerwehr und Rettungswagen erschwerte. Mehrere Dutzend Häuser wurden beschädigt, viele Bewohner wurden obdachlos. Die Behörden richteten Auffanglager und Notunterkünfte ein.
Ein Anwohner schilderte: „Das Beben war so stark und anhaltend, dass ich die Wohnungstür nicht einmal öffnen konnte, weil sie klemmte. Nach dem gestrigen Schrecken war es unmöglich, die Nacht zu Hause zu verbringen.” Trotz der Angst zeigte sich auch Solidarität: Viele verteilten in der Nacht Essen und Wasser und boten einander Unterstützung an.
Stärkste Erdbeben in den Phlegräischen Feldern
Magnitude-Werte der stärksten registrierten Stöße
Zahlreiche Nachbeben folgen
In den Stunden nach dem Hauptbeben registrierte das INGV eine Serie von Nachbeben. Bis Mitternacht waren es 31, das stärkste erreichte Magnitude 3,8. Auch am Samstagmorgen und -nachmittag riss die seismische Aktivität nicht ab: Nach einer kurzen Ruhephase setzten um 14:04 Uhr wieder Stöße der Stärke 1,7 und 1,8 ein. Erneut lösten sich Felsen vom Solfatara-Krater und trafen ein Auto; die beiden Insassen wurden nur leicht verletzt.
Chronologie der Ereignisse
- 31. Juli, 19:46 UhrHauptbeben der Stärke 4,7
Epizentrum unter dem Solfatara-Krater in 3 km Tiefe.
- 31. Juli, 20:00 UhrNachbeben und Krisenzentrum
Zahlreiche Nachbeben setzen ein; Behörden richten Krisenzentrum ein.
- 31. Juli, 23:35 Uhr31 Nachbeben registriert
Stärkstes Nachbeben mit Magnitude 3,8; Fähr- und Bahnverkehr eingestellt.
- 1. August, nachmittagsErneute Felsstürze
Weitere Felsbrocken treffen ein Auto, zwei Leichtverletzte.
Supervulkan unter Druck
Die Phlegräischen Felder sind Europas größter aktiver Supervulkan. Anders als normale Vulkane zeichnen sie sich durch eine besonders große Magmakammer aus – sie explodieren im Ernstfall regelrecht. Seit Jahren wird das Gebiet vom Bradyseismus heimgesucht, einer langsamen Hebung und Senkung des Bodens, begleitet von zahlreichen kleinen und teils stärkeren Erdbeben.
Die italienische Regierung hatte bereits 2025 neue Maßnahmen und Pläne für eine mögliche Evakuierung von Hunderttausenden auf den Weg gebracht. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni beobachtet die Lage nach Angaben ihres Amtssitzes ständig und steht in Kontakt mit den lokalen Behörden und dem Zivilschutz. Vulkanologen wie Giuseppe De Natale fordern, sich auf alles gefasst zu machen – auch auf einen Vulkanausbruch.





