Im Ferienreiseverkehr zeigen die Züge der Deutschen Bahn einmal mehr ihre chronische Unzuverlässigkeit. Die Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr lag im ersten Halbjahr 2026 bei nur 58,7 bis 59 Prozent. Bahnchefin Evelyn Palla nahm dies nun zum Anlass, schonungslos mit der Managementkultur des Konzerns abzurechnen.
In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ (Erscheinungstermin 1. August 2026) sprach Palla von einer „organisierten Verantwortungslosigkeit“, die den Konzern über Jahre geprägt habe. Entscheidungen, auch zu operativen Verbesserungen, seien häufig zentral in der Konzernleitung getroffen worden – jedoch ohne Verantwortung für die Umsetzung.
„Wesentliche Entscheidungen auch zu operativen Verbesserungen wurden häufig zentral in der Konzernleitung getroffen.“
Die Entscheider in der Zentrale hätten keine Verantwortung für die Umsetzung in der Fläche getragen. Die Kollegen vor Ort wiederum hätten gesagt: „Das habe ich nicht entschieden, und das funktioniert bei mir auch nicht.“ In der Zentrale habe es dann geheißen, die operative Ebene setze nicht richtig um. Palla nannte dies „organisierte Verantwortungslosigkeit“.
„Das war am Ende so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit.“
Palla, die seit Oktober 2025 an der Konzernspitze steht, bemängelte zudem eine Kultur der Folgenlosigkeit. Selbst bei mehrfachen Zielverfehlungen seien kaum Konsequenzen gezogen worden. „Man musste nur gut genug erklären, warum die Ziele nicht erreicht werden konnten. Damit kam man oft jahrelang durch“, kritisierte sie. Die Bahn habe kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem.
Messbare Ergebnisse statt Erklärungen
Die Managerin fordert deshalb eine neue Leistungskultur. „Leistung beginnt ganz oben – zuerst bei mir selbst. Dann beim Konzernvorstand. Wir sind die erste Ebene, die das verkörpern und vorleben muss“, erklärte sie. Pünktlichkeit beginne mit einer „klaren und transparenten Verantwortungsallokation an der richtigen Stelle“.
Von ihrer Fundamentalkritik nahm Palla die Beschäftigten an der Basis ausdrücklich aus. Die Zugbegleiter, Lokführer, Fahrdienstleiter, Gleisarbeiter und Disponenten, die jeden Tag mit unbefriedigenden Situationen kämpften, seien ihre Helden, die die Eisenbahn täglich am Laufen hielten.
Keine schnelle Besserung bei der Pünktlichkeit
Die Pünktlichkeit bleibe in diesem Jahr weiter schwierig, weil es im Netz noch zu viele Störungen und Baustellen gebe, dämpfte Palla Erwartungen. Wer hier etwas anderes verspreche, mache den Menschen etwas vor. Die Sanierung des maroden Schienennetzes sei die zentrale Voraussetzung für dauerhaft bessere Betriebsabläufe. Den Zeithorizont für die grundlegende Wende steckte sie weit: „2035 feiert die Bahn ihr 200-jähriges Jubiläum, und das soll auch das Jahr sein, in dem wir das Gröbste hinter uns haben.“
Der bereits eingeleitete Konzernumbau – Verschlankung der Zentrale, Verlagerung von Verantwortung in dezentrale Einheiten und Abbau zahlreicher Führungspositionen – sei nur ein erster Schritt. Der schwierigere Teil sei der kulturelle Wandel im Management selbst. Palla räumte ein, dass dieser Veränderungsprozess Zeit brauche und Mut erfordere.
Die Pünktlichkeitszahlen des Fernverkehrs in den ersten sechs Monaten 2026 blieben weit hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Palla selbst hatte mindestens 60 Prozent als Ziel ausgegeben. Bei drei Viertel der verspäteten Züge habe die Verspätung allerdings unter 15 Minuten gelegen, relativierte sie.
Trotz aller Kritik warnte Palla vor einer übertriebenen Negativdarstellung: „Auch wenn wir insgesamt noch nicht zufrieden sind, dürfen wir die Deutsche Bahn nicht immer schlechter reden, als sie ist.“ Positiv vermerkte sie den Passagierrekord von rund 960 Millionen Fahrgästen und den ersten Gewinn seit sieben Jahren.





