Stärkstes Beben aller Zeiten – Vulkanologe: „Behörden tun fast nichts“
Bild: KI-generiert
Phlegräische Felder

Stärkstes Beben aller Zeiten – Vulkanologe: „Behörden tun fast nichts“

Nach dem stärksten je gemessenen Erdbeben in den Phlegräischen Feldern mit 21 Verletzten und Hunderten Obdachlosen warnt INGV-Forscher Giuseppe De Natale: Der aktuelle vulkanische Prozess gleiche dem vor der Monte-Nuovo-Eruption 1538. Die Behörden täten zu wenig für den Ernstfall.

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Am Abend des 31. Juli 2026 um 19:46 Uhr bebte in den Phlegräischen Feldern bei Neapel die Erde so heftig wie nie zuvor in der Geschichte der instrumentellen Aufzeichnung. Das Erdbeben der Magnitude 4,7 mit einem Epizentrum nahe Pozzuoli war Teil eines gigantischen Schwarms von über 440 Einzelbeben und setzte eine Rekordmarke, die Vulkanologen alarmiert.

Die Bodenbeschleunigung erreichte laut Lucia Pappalardo, Leiterin des Vesuv-Observatoriums des INGV, 80 bis 90 Prozent der Erdbeschleunigung – ein extremer Wert, der selbst die Krise vom März 2025 übertraf. Der Erdstoß war nicht nur in Pozzuoli und Neapel zu spüren, sondern auch auf den Inseln Ischia und Procida.

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Der Erdbebenschwarm begann mit einem Hauptbeben und umfasste nach INGV-Angaben innerhalb von zwei Tagen mehr als 440 lokalisierbare Erschütterungen. Allein in der ersten Nacht registrierten die Seismografen 31 Nachbeben, darunter zwei Stöße der Magnitude 3,1.

Schäden und Verletzte

In Pozzuoli und den westlichen Stadtteilen Neapels stürzten Fassadenteile und Mauern ein, Tuffsteinhänge gaben nach. Ein 73-jähriger Rentner wurde lebensgefährlich verletzt, als ein durch die Erschütterungen gelöster Felsbrocken auf sein Auto stürzte. Seine Frau sprach von einem „Wunder“, dass er überlebte.

Insgesamt wurden nach Behördenangaben mindestens 21 Menschen verletzt, einige davon schwer. Rund 150 Familien – etwa 300 Personen – mussten ihre Wohnungen verlassen und wurden in Notunterkünften untergebracht. Das meldete die Tagesschau.

Besonders dramatisch: Das Dach eines Supermarktes knickte ein, in einer Kirche stürzten Teile der Decke herab. Im Jugendgefängnis auf der Insel Nisida brach ein Feuer aus, der Strom fiel aus; die Feuerwehr hatte enorme Schwierigkeiten, die schwer erreichbare Anlage zu erreichen.

Der Hafen von Pozzuoli musste wegen tiefer Risse an den Anlegestellen gesperrt werden. Alle Fähr- und Schnellbootverbindungen nach Ischia und Procida wurden eingestellt, konnten aber am Folgetag wieder aufgenommen werden.

Forscher schlägt Alarm

Professor Giuseppe De Natale, Vulkanologe und Forschungsleiter am staatlichen Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV), zieht eine beunruhigende historische Parallele. Der seit 1950 anhaltende vulkanische Prozess in den Phlegräischen Feldern nehme stetig zu – und verlaufe ähnlich wie jener, der 1430 begann und 1538 im Ausbruch des Monte Nuovo gipfelte, der bislang letzten Eruption in dem riesigen Vulkanfeld, wie die Frankfurter Rundschau berichtete.

Es ist an der Zeit, das Gebiet auf alle möglichen Ereignisse vorzubereiten. Einschließlich eines möglichen Ausbruchs, dessen Wahrscheinlichkeit zwar kurzfristig gering ist, aber keineswegs zu vernachlässigen ist.
Giuseppe De Natale, INGV-Vulkanologe

De Natale kritisierte scharf die mangelnde Vorsorge. Er erinnerte an die Erdbebenkrisen von 1970 und 1984, als die damaligen Regierungen umfangreiche Maßnahmen bis hin zu Teilevakuierungen ergriffen. Heute dagegen wiederholten die Behörden nur „das Mantra, dass es schon immer so gewesen sei“. Viele Bewohner wüssten nicht, ob ihre Häuser dem nächsten Beben standhalten, und Schulen schickten die Schüler nach jedem Beben nach Hause, weil unklar sei, ob die Gebäude einem zu erwartenden Maximalbeben der Magnitude etwas über 5 standhalten könnten.

Die Wahrheit ist, dass wir ein Glücksspiel spielen – und die Behörden unternehmen so gut wie nichts.
Giuseppe De Natale, INGV-Vulkanologe

Andrea Billi vom Institut für Geowissenschaften (CNR) ergänzte, dass die Dauer des Erdbebenschwarms nicht vorhersagbar sei – und dass man einen noch stärkeren Erdstoß nicht ausschließen könne. Ein Beben der Magnitude 5,2 würde etwa fünf- bis sechsmal mehr Energie freisetzen als das jüngste Beben, mit mehr als dreimal so starken Bodenbewegungen.

Behörden unter Handlungsdruck

In Pozzuoli aktivierte Bürgermeister Luigi Manzoni umgehend das kommunale Operationszentrum (COC). In Neapel öffnete Bürgermeister Gaetano Manfredi eine Notunterkunft im Stadtteil Fuorigrotta. Das Sportzentrum „Palatrincone“ in Monteruscello wurde mit 185 Betten zur Massennotunterkunft.

Auf nationaler Ebene berief Zivilschutz-Chef Fabio Ciciliano den nationalen Krisenstab ein. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verfolgte die Lage laut Zivilschutzbehörde fortlaufend und stand im Austausch mit Zivilschutzminister Nello Musumeci und dem Präfekten von Neapel, Michele di Bari.

Der Oppositionspolitiker Sandro Ruotolo (Partito Democratico) forderte die Regierung Meloni auf, unverzüglich konkrete Antworten für die Sicherheit der Bevölkerung vorzulegen. Der politische Druck wächst.

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Menschen in Angst

Viele Bewohner verbrachten die Nacht im Freien oder in ihren Fahrzeugen. Stromausfälle in mehreren Gegenden verstärkten die Verunsicherung. Eine 18-Jährige namens Lucia sagte: „Ich hatte Angst zu sterben. Ich habe noch nie ein so starkes Beben gespürt.“

Gegenüber der Nachrichtenagentur Ansa forderten Betroffene: „Man muss uns sagen, ob wir hier sicher bleiben oder weggehen sollen. Wir leben nun schon seit zwei Jahren so. So kann das nicht weitergehen.“ Zugleich berichteten Bewohner von großer Solidarität untereinander – viele verteilten in der Nacht Essen und Wasser.

Chronologie der Ereignisse

  1. 31. Juli 2026, 19:46 Uhr
    Hauptbeben Magnitude 4,7

    Stärkstes jemals gemessenes Beben in den Phlegräischen Feldern, Epizentrum nördlich der Solfatara, Tiefe 2,6 km.

  2. 31. Juli, spätabends
    Schäden und Evakuierungen

    Fassadeneinstürze, Felsstürze; 21 Verletzte, darunter ein Schwerstverletzter. Stromausfälle. 150 Familien obdachlos.

  3. 1. August, 5:47 Uhr
    Nachbeben Magnitude 3,1

    Weiteres starkes Nachbeben; insgesamt über 440 Beben im Schwarm.

  4. 1. August, Vormittag
    Krisenstäbe aktiviert

    COC in Pozzuoli, Neapel und Bacoli einberufen. Notunterkünfte geöffnet. Hafen Pozzuoli gesperrt.

  5. 2. August
    Fährverkehr wieder aufgenommen

    Beide Bahntunnel Pozzuoli – Neapel bleiben gesperrt. Warnstufe bleibt Gelb.

Die Lage bleibt angespannt. Lucia Pappalardo vom INGV dämpfte Hoffnungen auf eine schnelle Beruhigung: Die Erdstöße würden in den kommenden Tagen anhalten. Viele Fachleute gehen davon aus, dass jederzeit Erdbeben im niedrigen Fünfer-Magnitudenbereich auftreten könnten. Ob die Behörden dann vorbereitet sind, bleibt eine offene Frage.