38 Prozent der Arbeiter wählen AfD – Bosetti: „Albtraum jedes Arbeiters“
In ihrer 3sat-Sendung nannte Sarah Bosetti die AfD den „absoluten Albtraum eines jeden Arbeiters“ und verwies darauf, dass 38 Prozent der Arbeiter diese Partei wählen. Straßenumfragen und SPD-Gäste offenbaren die tiefe Krise der Sozialdemokratie.
In der 3sat-Sendung „Bosetti Late Night“ prangerte Sarah Bosetti am 19. April 2026 eine krasse Fehlentwicklung an: Nur noch 12 Prozent der Arbeiter wählten bei der letzten Bundestagswahl die SPD, 38 Prozent dagegen die AfD. Für Bosetti ist das völlig widersinnig, denn die AfD vertritt ihrer Analyse nach eine Politik, die Arbeitern massiv schadet.
Arbeiterstimmen bei der letzten Bundestagswahl
Quelle: Bosetti Late Night / 3sat, 19.04.2026
Als Beleg führte Bosetti an, die AfD sei gegen Gewerkschaften und das Tariftreuegesetz, wolle die Erbschaftsteuer abschaffen und lehne eine Erhöhung des Mindestlohns ab. Außerdem fordere die Partei um Alice Weidel und Tino Chrupalla eine marktradikale Steuerpolitik, die vor allem Besserverdienende entlaste.
„Es gibt nichts Marktradikaleres als die AfD. Die AfD ist der absolute Albtraum eines jeden Arbeiters.“
Sarah Bosetti, Satirikerin und Moderatorin
Angesichts der Kluft zwischen Programmatik und Wahlergebnis fragte Bosetti spitz: Was eine Arbeiterpartei alles falsch machen müsse, damit ihr eine Partei, die Arbeitern schadet, die Stimmen wegnimmt? Die SPD müsse sich fragen, warum sie bei ihrer Kernklientel so stark an Rückhalt verloren habe.
„Was musst du als Arbeiterpartei alles falsch machen, damit dir eine Partei, die Arbeitern schadet, die Stimmen von Arbeitern wegnimmt?“
Sarah Bosetti, Satirikerin und Moderatorin
„Die ist blau und heißt AfD“ – Stimmungsbild vor dem BMW-Werk
Um den Gründen nachzuspüren, postierte sich Bosetti mit einem Kamerateam vor dem BMW-Motorradwerk in Berlin und befragte Arbeiter nach ihrer Wahlentscheidung. Die Antworten zeichneten ein düsteres Bild für die SPD.
Ein Arbeiter sagte unumwunden: „Ich kann den Klingbeil nicht leiden.“ Ein anderer bekannte sich verhalten zur AfD: „Meine Ansichten mögen nicht die besten sein.“ Ein dritter antwortete auf die Frage, welche Partei seine Interessen vertrete, kurz und bündig: „Die ist blau und heißt AfD.“
Als Bosetti vorschlug, bei der nächsten Wahl doch die SPD zu wählen, erntete sie nur Hohn. Einer der Befragten quittierte den Rat mit „geradezu überreiztem Lachen“. Selbst der Hinweis, dass die AfD sich weder für Mindestlohn noch für Gewerkschaften starkmache, prallte ab: „Nee, absolut nicht“, entgegnete ein Arbeiter auf die Frage, ob er die Partei an ihren tatsächlichen Programmpunkten messen wolle.
„Wir sind keine Arbeiterpartei mehr“ – SPD-interne Selbstkritik
Im Studio diskutierten der Juso-Vorsitzende Philipp Türmer und die Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan, über die verfahrene Situation. Türmer diagnostizierte eine tiefe Identitätskrise der Sozialdemokratie, die sich auch in Umfragen widerspiegelt: Die SPD fiel zuletzt auf ein historisches Rekordtief von 11 Prozent.
Die Partei habe sich darin verloren, Sozialdemokratie mit dem „besten Verwalter“ gleichzusetzen. Aus Türmer's Sicht habe Olaf Scholz ein falsches Signal gesetzt, indem er einen Regierungsstil à la Angela Merkel versprach.
„Das war das Versprechen von Olaf Scholz: Ich mache das hier merkelmäßig.“
Philipp Türmer, Juso-Vorsitzender
Der Juso-Chef ging noch weiter und erklärte die soziale Marktwirtschaft für überholt. Die SPD müsse sich wieder als Interessenvertretung der großen Mehrheit gegen eine kleine, profitierende Elite positionieren. Auf die Frage, warum er dann nicht bei der Linken sei, geriet Türmer allerdings ins Stocken und verwies nur auf den „historischen Auftrag“ der SPD.
Gesine Schwan plädierte für einen radikalen Neuanfang beim Selbstverständnis. Statt an der alten Arbeiteridentität festzuhalten, müsse die SPD erkennen, dass sie eine Partei für alle Arbeitenden sei.
„Wir sind eine Partei der Arbeit, aber wir sind keine Arbeiterpartei.“
Gesine Schwan, Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission
Schwan erinnerte an soziologische Studien aus den 1950er-Jahren, die belegen, dass Arbeiter in ihrer Mentalität keineswegs per se links seien. Wenn der Staat sie nicht adäquat versorge, sei eine Abwanderung nach rechts wenig überraschend. Sie forderte, die Situation aller Berufstätigen in den Blick zu nehmen.
Die Sendung und ihre Folgen – eine Chronologie
Chronologie der Debatte
19. April 2026
Ausstrahlung von „Bosetti Late Night“
3sat zeigt Folge 20. Bosetti nennt die AfD den „absoluten Albtraum eines jeden Arbeiters“.
20. April 2026
Erste Reaktionen
Social Media und die Zitatsuchmaschine der Humboldt-Universität verzeichnen erste Diskussionen.
21. April 2026
Kritischer Artikel
Apollo News veröffentlicht einen Kommentar unter dem Titel „Bosetti im SPD-Kuscheltalk“.
22. April 2026
WELT-Kritik
Dominik Lippe analysiert die Sendung im Feuilleton der WELT.
23. April 2026
Viral auf Facebook
Bosetti teilt einen Videoausschnitt; 347.000 Aufrufe und über 1.500 Kommentare.