Ifo-Chef Fuest: 7-Prozent-Satz abschaffen – einheitlich 19 Prozent auf alles
Ifo-Präsident Clemens Fuest will den ermäßigten Mehrwertsteuersatz streichen und alle Waren mit 19 Prozent besteuern. Für eine Familie mit geringem Einkommen bedeutet das bis zu 800 Euro Mehrkosten pro Jahr. Der Vorschlag stößt auf heftige Kritik.
Für Millionen Verbraucher könnten Lebensmittel, Bustickets und Theaterbesuche bald deutlich teurer werden. Ifo-Präsident Clemens Fuest fordert die komplette Abschaffung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes von 7 Prozent. Stattdessen soll ein einheitlicher Steuersatz von 19 Prozent auf alle Waren und Dienstleistungen gelten.
Seinen Vorschlag veröffentlichte Fuest am 6. August 2026 in einem Interview mit der Bild und einem Gastbeitrag im Handelsblatt. Ziel sei es, die Komplexität des Steuersystems zu verringern und Mehreinnahmen für den Staat zu generieren. Derzeit entgehen dem Fiskus durch den reduzierten Satz jährlich 43,5 Milliarden Euro.
Rund 18 Prozent des Verbraucherpreisindex sind betroffen – knapp ein Fünftel aller Konsumausgaben. Bei einer vollständigen Weitergabe der Steuererhöhung würden viele Alltagspreise um bis zu 12 Prozent steigen. Fuest selbst erwartet allerdings eine geringere Weitergabe, weil Unternehmen die Steuer je nach Wettbewerbsdruck nicht komplett an die Kunden abwälzen könnten.
„Belastet würde vor allem die Hälfte der Bevölkerung mit den höheren Einkommen, also mit Bruttoeinkommen über circa 55.000 Euro.“
Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts
Doch die Zahlen zeigen eine soziale Schieflage. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt vor deutlichen Realeinkommensverlusten für Geringverdiener: Die unteren Einkommensgruppen würden fast 2 Prozent ihrer Kaufkraft einbüßen, die oberen zehn Prozent dagegen nur 0,5 Prozent. Eine vierköpfige Familie mit geringem Einkommen müsste jährlich 500 bis 800 Euro mehr ausgeben, ein Single-Haushalt mit durchschnittlichen 1.800 Euro Monatsausgaben rund 720 Euro mehr.
Um diese Mehrbelastung abzufedern, schlägt Fuest eine jährliche Gutschrift von 360 Euro für einkommensschwache Haushalte vor. Das würde den Staat 7,2 Milliarden Euro kosten. Nach Abzug der Ausgleichszahlungen blieben dem Fiskus immer noch mehr als 36 Milliarden Euro netto – Geld, das der Staat zur Senkung des regulären Satzes oder zur Haushaltskonsolidierung nutzen könnte.
Welche Produkte würden teurer?
Der ermäßigte Satz von 7 Prozent gilt aktuell für Grundnahrungsmittel wie Milch, Fleisch, Obst und Gemüse, für den Personennahverkehr, für Restaurantbesuche, Kulturveranstaltungen sowie für Bücher, Zeitungen und Tierfutter. All diese Güter würden auf einen Schlag mit 19 Prozent besteuert – mit spürbaren Folgen für den Alltag.
Das geltende System produziert immer wieder widersprüchliche Abgrenzungen: Trüffel und Hundefutter sind mit 7 Prozent ermäßigt, Kaviar, Hummer und Babynahrung dagegen mit 19 Prozent besteuert. Kuhmilch profitiert vom niedrigen Satz, Hafer- oder Mandelmilch nicht. Fuests Vorstoß würde dieses „Steuerchaos“ beseitigen.
Soziale Schieflage und politischer Widerstand
Die Debatte fällt in eine Zeit ohnehin knapper Kassen. Wie bereits bekannt wurde, fehlen dem Bund im nächsten Haushalt 17,8 Milliarden Euro. Gleichzeitig hat die Koalition gerade erst Steuerentlastungen für Familien beschlossen. Fuests Plan stößt daher auf heftige Ablehnung.
„Wir haben eine ganze Reihe von Menschen, Rentnerinnen und Rentner, aber auch Schülerinnen und Schüler, Auszubildende, Studierende, die dann alle mehr zahlen müssten.“
Tim Klüssendorf, SPD-Generalsekretär
Noch am selben Tag wies SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf den Vorschlag gegenüber RTL/ntv zurück. Für die meisten Menschen bedeute das eine deutliche Preiserhöhung in einer Zeit, in der Bezahlbarkeit ohnehin ein Problem sei. Die Ablehnung aus der SPD stellt eine zentrale Hürde für Fuests Konzept dar – die Partei hatte zuletzt sogar eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel auf null Prozent gefordert.
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Internationaler Vergleich
Im EU-Vergleich gehört Deutschland mit dem regulären Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent zu den fünf niedrigsten Ländern. Die meisten Staaten haben zusätzlich ermäßigte Sätze – mit einer Ausnahme: Dänemark erhebt als einziges EU-Land eine einheitliche Mehrwertsteuer von 25 Prozent auf alle Waren. Die Spannweite reicht von 2,1 Prozent in Frankreich bis 27 Prozent in Ungarn.
Ob Fuests Vorschlag in den laufenden Haushaltsberatungen eine Chance hat, bleibt offen. Die Bundesregierung diskutiert bereits über eine Erhöhung des Regelsatzes auf 22 Prozent, während Unionspolitiker wie Jens Spahn eine Null-Prozent-Regelung für Grundnahrungsmittel fordern. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Vereinfachung des Steuersystems oder der Schutz der Verbraucher Priorität erhält.