Die Polen wenden sich von der Ukraine ab. Laut einer neuen Umfrage des Instituts CBOS lehnen inzwischen 40 Prozent einen EU-Beitritt des Nachbarlandes grundsätzlich ab – nur noch eine knappe Mehrheit von 50 Prozent würde ihn befürworten. Zum Vergleich: Im März 2022, kurz nach dem russischen Überfall, sprachen sich noch 90 Prozent der Polen für eine Aufnahme aus, wie Polsat News berichtet.
Zustimmung zum EU-Beitritt der Ukraine in Polen
Militärhilfe auf der Kippe
Auch bei der militärischen Unterstützung bröckelt die Zustimmung. In einer Erhebung des Instituts Opinia24 für die Wochenzeitung Polityka gaben 44 Prozent der Befragten an, die Hilfe für die Ukraine einstellen zu wollen, nur 41 Prozent sprachen sich für deren Fortsetzung aus. Schon im Juli hatte Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz die Blockade eines EU-Beitritts der Ukraine gefordert, solange Kiew umstrittene Nationalisten verehre.
Besonders umstritten: die Entscheidung von Präsident Karol Nawrocki, dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. 55 Prozent der Polen befürworten diesen Schritt, wie eine Umfrage von Opinia24 ergab.
Gewalt gegen Ukrainer eskaliert
Gleichzeitig wächst die Gewalt gegen ukrainische Flüchtlinge. In den ersten sechs Monaten 2026 registrierten die Behörden rund 180 Strafanzeigen wegen Hasskriminalität – ein Anstieg von über 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Vorfälle reichen von Beleidigungen bis zu schweren Körperverletzungen.
So schlugen drei Männer in Breslau ein ukrainisches Paar brutal zusammen, weil ihnen der Akzent missfiel. In Gleiwitz verletzte ein Pole einen Ukrainer mit einem Baseballschläger, weil er sich an einer Grillgruppe störte. Und in Gdingen attackierte ein Mann eine 40-jährige Ukrainerin mit einem Spazierstock.
„Wir müssen dieser Gewalt den Krieg erklären, weil Banditen, Hooligans, gewalttätige Extremisten immer stärker und dreister werden, weil sie auch politische Schirmherrschaft bekommen.“
Tusk warnte, der gute Ruf Polens, den das Land sich durch die Hilfsbereitschaft zu Beginn des Krieges erworben habe, könne „begraben“ werden, „wenn wir zulassen, dass Banditen, Ultras und gewöhnliche Kriminelle straflos Menschen schlagen und erniedrigen nur deshalb, weil sie mit einem anderen Akzent sprechen“.
Kurswechsel in der Bevölkerung
Die Ablehnung eines EU-Beitritts ist dabei nur ein Teil eines umfassenderen Stimmungsumschwungs. Erstmals sprach sich im Juli 2026 eine Mehrheit von 54 Prozent gegen die Aufnahme weiterer ukrainischer Kriegsflüchtlinge aus, und 65 Prozent lehnen eine Entsendung polnischer Soldaten zur Überwachung eines Waffenstillstands ab.
Die Umfragewerte markieren einen historischen Tiefstand in den polnisch-ukrainischen Beziehungen seit Beginn des Krieges. Ob und wie die Regierung Tusk auf den Druck der Straße und der öffentlichen Meinung reagieren wird, ist offen.
Die Regierung in Warschau steht vor einem Dilemma: Einerseits hat Polen die Ukraine von Beginn an massiv unterstützt, andererseits wächst der Unmut in der Bevölkerung. Die Zahlen zeigen: Die Bereitschaft, die Ukraine weiterhin bedingungslos zu unterstützen, schwindet rapide.
