107 Schüler der Geschwister-Scholl-Oberschule (GSO) in Vechta haben über Jahre hinweg falsche Zeugnisse bekommen. Ihre Abschlüsse fielen niedriger aus oder sie gingen ganz ohne Abschluss von der Schule – obwohl ihre Noten laut Gesetz einen besseren Abschluss gerechtfertigt hätten. Am Freitag, dem 7. August 2026, trat Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) in Hannover vor die Presse und übernahm die Verantwortung.
„Ich entschuldige mich in aller Form bei den Leidtragenden dieser Fehler. So etwas darf nicht passieren“, sagte Hamburg. Wie die taz berichtet, kündigte sie an, korrigierte Zeugnisse auszustellen, die Fehlerursache aufzuklären und die Betroffenen zu unterstützen.
Jahrelang falsche Ausgleichsregelung angewandt
Der Skandal war durch die Beschwerde einer ehemaligen Schülerin aufgeflogen, die die GSO 2022 mit einem Hauptschulabschluss verlassen hatte. Beim Nachholen ihres Realschulabschlusses auf dem zweiten Bildungsweg stellte sich mit vier Jahren Verspätung heraus: Ihre Noten hätten damals schon für einen Realschulabschluss gereicht. Eine zweite Beschwerde und ein Bericht in der Lokalzeitung führten schließlich zur flächendeckenden Überprüfung sämtlicher Abschlusszeugnisse der Schule.
Das Ergebnis: In den Schuljahren 2019/2020 bis 2025/2026 wurden 107 Abschlussentscheidungen falsch getroffen. Die Fachnoten selbst waren korrekt. Der Fehler lag in der Anwendung der sogenannten Ausgleichsregelung aus der niedersächsischen Abschlussverordnung. Die Schulleitung hatte über Jahre nicht verstanden, wann schlechte Noten in einem Fach mit besseren Noten in anderen Fächern ausgeglichen werden können.
Im Einzelnen verteilen sich die falschen Entscheidungen wie folgt: 56 Schüler hätten den Erweiterten Sekundarabschluss I erhalten müssen (der zum Besuch der gymnasialen Oberstufe berechtigt). 49 Schüler bekamen nur einen Hauptschulabschluss, obwohl sie Anspruch auf den Realschulabschluss hatten. Zwei Schüler verließen die Schule sogar ganz ohne Abschluss, obwohl ihre Noten für einen Hauptschulabschluss ausgereicht hätten. In 32 weiteren Fällen müssen schulische Zeugniskonferenzen wiederholt werden, weil bestehende Ermessensspielräume nicht hinreichend diskutiert worden waren.
Chronologie eines Skandals
- 2017Neue Ausgleichsregelung
Einführung der neuen Abschlussverordnung in Niedersachsen mit komplexer Ausgleichsregelung. Alle Schulämter werden angewiesen, die Schulleitungen zu unterrichten.
- 2019/2020Erster Abschlussjahrgang
Die GSO Vechta vergibt erstmals Abschlüsse und wendet die Ausgleichsregelung fehlerhaft an, ohne dass es auffällt.
- 2022Schülerin verlässt Schule mit falschem Abschluss
Eine spätere Beschwerdeführerin geht mit einem Hauptschulabschluss ab, obwohl ihre Leistungen für einen Realschulabschluss genügt hätten.
- Mitte Juni 2026Beschwerde bringt Fall ins Rollen
Die betroffene Schülerin wendet sich an das Regionale Landesamt für Schule und Bildung Osnabrück und deckt den Fehler auf.
- Juli 2026Flächendeckende Überprüfung
Nach einer weiteren Beschwerde und Medienberichten werden alle Abschlusszeugnisse der GSO im Vier-Augen-Prinzip händisch geprüft.
- 7. August 2026Pressekonferenz und Entschuldigung
Kultusministerin Hamburg gibt die Ergebnisse bekannt, entschuldigt sich formell und kündigt Korrekturen sowie eine landesweite Überprüfung an.
„Lebenswege und Berufswahlentscheidungen betroffen“
Für die Betroffenen gehe es nicht um Verwaltungsabläufe, sondern um existenzielle Entscheidungen, betonte Hamburg. „Wir schaffen Transparenz, korrigieren die Fehler und unterstützen die betroffenen Schülerinnen und Schüler. Gleichzeitig klären wir auf, wie es zu diesen Fehlern kommen konnte und warum sie über einen längeren Zeitraum nicht bemerkt wurden“, so die Ministerin.
Die betroffenen Schüler erhalten in den kommenden Tagen und Wochen neue Zeugnisse und ein persönliches Entschuldigungsschreiben. Das Land will für konkret entstandene finanzielle Schäden aufkommen – etwa wenn jemand auf eigene Kosten einen Abschluss nachgeholt hat. Unter der Mailadresse [email protected] wurde eine Anlaufstelle eingerichtet.
„Ich entschuldige mich in aller Form bei den Leidtragenden dieser Fehler. So etwas darf nicht passieren.“
Kritik an komplizierten Regeln – 400 Schulen werden überprüft
Auch eine zweite Schule, an der die GSO-Leiterin zuvor tätig war, muss neun Zeugnisse aus dem Jahr 2019/2020 korrigieren. Hinweise auf ein landesweites Problem sieht das Ministerium bislang nicht, dennoch kündigte Hamburg für das neue Schuljahr eine Befragung aller Schulleitungen und Stichproben bei rund 400 Ober- und Gesamtschulen an – jenen Schulformen, an denen mehrere Abschlüsse vergeben werden und die Einstufung entsprechend komplex ist.
Aus dem niedersächsischen Landesverband des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) kommt nun die Forderung, die Ausgleichsregelung zu überarbeiten. VBE-Chef Franz-Josef Meyer warnte davor, „eine einzelne Schulleiterin zum Sündenbock zu machen“. Die Anwendung der Regel auf drei verschiedene Abschlussarten sei „unheimlich schwierig und sehr kompliziert“. Er rechne mit weiteren Fehlern an anderen Schulen.
Der CDU-Bildungspolitiker Christian Fühner verlangte, dass die Regelungen zur Abschlussvergabe klar, verständlich und rechtssicher anwendbar sein müssten. Ein derartiger Vertrauensverlust dürfe nicht ohne Konsequenzen bleiben.
