Erste totale Sonnenfinsternis seit 27 Jahren – für Deutschland wird es ein Wettlauf mit der Sonne
Bild: KI-generiert
Totale Sonnenfinsternis

Erste totale Sonnenfinsternis seit 27 Jahren – für Deutschland wird es ein Wettlauf mit der Sonne

Am 12. August 2026 verdunkelt sich der Himmel über Europa: Erstmals seit 1999 trifft der Kernschatten einer totalen Sonnenfinsternis wieder den Kontinent. In Deutschland erreicht die partielle Bedeckung über 90 Prozent – doch die extrem niedrig stehende Sonne droht das Spektakel vielerorts zu vereiteln.

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Es ist das bedeutendste astronomische Ereignis des Jahrzehnts: Am Mittwoch, dem 12. August 2026, schiebt sich der Mond vor die Sonne und taucht einen schmalen Streifen quer über Europa in taghelle Nacht. Der Totalitätspfad zieht von Grönland über Island nach Nordspanien und zu den Balearen. In Deutschland ist es eine tiefe partielle Finsternis – aber der Kampf um die Sicht beginnt schon beim Standort.

Der Weg der Finsternis am 12. August 2026 (MESZ)

  1. 17:34 Uhr
    Beginn der partiellen Phase

    Vor der Westküste Alaskas berührt der Mond erstmals die Sonne.

  2. 18:58 Uhr
    Totalität beginnt

    Über dem Arktischen Ozean setzt der Kernschatten auf.

  3. 19:44 Uhr
    Island erreicht

    Reykjavík erlebt 60 Sekunden Totalität, auf Snæfellsnes sind es 2 Minuten 8 Sekunden.

  4. 19:46 Uhr
    Größte Finsternis

    Über dem Nordatlantik werden 2 Minuten und 18 Sekunden erreicht.

  5. ca. 20:05 – 20:17 Uhr
    Maximum in Deutschland

    Die Sonne ist zu 84,4 % (Rostock) bis 90,3 % (Freiburg) bedeckt.

  6. ca. 20:26 – 20:31 Uhr
    Totalität in Spanien

    A Coruña, Oviedo, Valladolid, Zaragoza, Valencia und Palma de Mallorca liegen im Kernschatten.

  7. 21:58 Uhr
    Ende der Finsternis

    Südlich der Kapverdischen Inseln verlässt der Halbschatten die Erde.

Deutschland: Ein Wettlauf mit dem Horizont

Wer in Deutschland die Finsternis sehen will, braucht vor allem eines: einen unverstellten Westnordwest-Horizont. Denn wenn die partielle Phase gegen 19:10 Uhr beginnt und um kurz nach 20 Uhr ihren Höhepunkt erreicht, steht die Sonne bereits bedrohlich tief. In Garmisch-Partenkirchen sind es gerade einmal 1,7 Grad – kaum mehr als ein Fingerbreit über dem Horizont. Selbst auf Sylt kommt sie nur auf 7,3 Grad. „Ein Feldweg am Ortsrand, ein Deich, ein Seeufer nach Westen oder eine Anhöhe reichen völlig. Ein Balkon mit Nachbarhaus gegenüber reicht nicht“, warnt die Plattform Sterngucker.de.

Im Bundesdurchschnitt erreicht die Bedeckung also zwischen 84 und gut 90 Prozent. Das sind Werte wie zuletzt im März 2015 – und danach erst wieder 2081. Doch die Statistik ist das eine, die tatsächliche Sicht das andere. Im gesamten Bundesgebiet geht die Sonne noch teilverfinstert unter, bevor das astronomische Ende der Finsternis erreicht ist. In Garmisch versinkt sie um 20:32 Uhr zu 61 Prozent bedeckt hinter den Bergen, in Berlin um 20:38 Uhr zu rund 30 Prozent. Nur im äußersten Norden kann man das Ende nahezu komplett sehen.

In Städten sind Brücken geeignet und auch Kleingartenanlagen, weil dort hohe Bäume verboten sind.
Uwe Pilz, Vereinigung der Sternfreunde

NASA-Jet jagt den Kernschatten

Während Millionen Menschen nach oben schauen, rast ein Forschungsflugzeug der NASA in 15 Kilometern Höhe dem Kernschatten hinterher. Mit über 3.400 km/h fliegt die umgebaute WB-57 extra für die Finsternis von Island aus durch die Totalitätszone. An Bord: das Kamerainstrument SAMI, das die äußere Sonnenatmosphäre – die Korona – mit 20 Bildern pro Sekunde in sichtbarem und infrarotem Licht filmt. Bei der letzten Finsternis 2024 waren viele Aufnahmen überbelichtet und unbrauchbar. „The Sun is always changing. Every eclipse is different. So we could see things we didn't see before. And we learn from each eclipse how to better observe the next one“, erklärt Principal Investigator Amir Caspi vom Southwest Research Institute.

Die Korona stellt die Wissenschaft vor ein fundamentales Rätsel: Sie ist mit bis zu drei Millionen Grad Celsius knapp 200-mal heißer als die sichtbare Sonnenoberfläche – ein Phänomen, das sich nur bei totalen Sonnenfinsternissen von der Erde aus hochauflösend untersuchen lässt. „From our unique perspective on Earth during a total solar eclipse, scientists can study the Sun's corona in a way we can't from anywhere else in the solar system“, betont Kelly Korreck, Eclipse Program Manager der NASA.

Parallel dazu steigen in Island 80 Wetterballons des Nationwide Eclipse Ballooning Project auf, um zu messen, wie die planetare Grenzschicht der Atmosphäre innerhalb von Minuten auf den plötzlichen Lichtentzug reagiert.

Warum das bloße Auge keine Chance hat

Selbst eine zu 90 Prozent bedeckte Sonne strahlt noch mit unverminderter Flächenhelligkeit. Prof. Dr. Hans Hoerauf, Direktor der Augenklinik der Universitätsmedizin Göttingen, warnt: „Das Tückische ist, dass dieser Verbrennungsprozess im Moment des Geschehens überhaupt nicht wehtut.“ Die Netzhaut besitzt keine Schmerzrezeptoren – eine Schädigung fällt oft erst Stunden später auf und ist dann irreversibel. Normalerweise schützt der Lidschlussreflex vor dem direkten Blick in die Sonne, doch während der Finsternis ist das Licht so gedämpft, dass der natürliche Schutz versagt.

Das Tückische ist, dass dieser Verbrennungsprozess im Moment des Geschehens überhaupt nicht wehtut.
Hans Hoerauf, Direktor Augenklinik, Universitätsmedizin Göttingen

Das Bundesamt für Strahlenschutz verweist auf die zwingend erforderliche Schutzbrille – zertifiziert nach DIN EN ISO 12312-2:2015 (erkennbar am CE-Symbol). Sonnenbrillen, rußgeschwärztes Glas oder Rettungsfolien genügen nicht. Für Kameras, Ferngläser und Teleskope sind spezielle Frontfilter Pflicht, da das gebündelte Licht die Netzhaut in Sekundenbruchteilen zerstören kann. Als sichere Alternative gelten indirekte Beobachtungsmethoden: Die Lücken eines Laubdachs oder ein Küchensieb werfen Hunderte kleiner sichelförmiger Sonnenbilder auf den Boden.

Double-Feature: Perseiden in Neumondnacht

Der Abend des 12. August hält ein astronomisches Doppel bereit: In derselben Nacht erreichen die Perseiden ihr Maximum – mit bis zu 100 Sternschnuppen pro Stunde. Weil der Mond sich in der Neumondphase befindet, bleibt der Himmel perfekt dunkel. Wer ohnehin zur Finsternis an einen abgelegenen Ort fährt, kann nach Sonnenuntergang beide Himmelsereignisse von derselben Stelle aus erleben.

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