Die Gefahr eines russischen Angriffs auf die Nato ist nach Einschätzung von US-Geheimdiensten so hoch wie seit Jahren nicht. Wie CNN unter Berufung auf das Wall Street Journal berichtet, könnte Präsident Wladimir Putin bereits ab Herbst 2026 einen begrenzten militärischen Schlag gegen ein Bündnismitglied führen. Ziel sei es, die Geschlossenheit der Nato auf die Probe zu stellen und das westliche Bündnis politisch zu spalten.
Die Bewertung markiert eine deutliche Wende: Noch Anfang des Jahres waren US-Analysten überzeugt, dass Putin wegen des anhaltenden Ukraine-Kriegs keine direkte Konfrontation mit der Nato riskieren würde. Doch der zunehmende Druck auf das Regime – ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien, hohe Verluste an der Front und minimale Bodengewinne – lassen den Kreml unberechenbarer erscheinen.
Drei Eskalationsstufen: Von Cyberangriff bis Bodenoffensive
Die Geheimdienstberichte skizzieren drei mögliche Szenarien, berichtet Focus. Am wahrscheinlichsten sind zunächst massive Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen eines Nato-Staates. Als zweite Stufe wäre der Einsatz unbewaffneter bewaffneter Gruppen ohne Hoheitszeichen denkbar – eine Taktik, die an die Krim-Annexion 2014 erinnert. Das extremste Szenario wäre eine begrenzte Bodenoffensive an der Nato-Ostflanke, für das die Wahrscheinlichkeit als gering, aber langfristig steigend eingeschätzt wird.
„Der Kreml, Putin, braucht eine neue Eskalation, eine Art neuen Sieg, und in diesem Fall sind die baltische Region und Polen die nächstgelegenen Ziele.“
Ein besonders verwundbarer Punkt ist der Suwałki-Korridor, der schmale Landstreifen zwischen Polen und Litauen, der Belarus mit der russischen Exklave Kaliningrad verbindet. Ein von der „Welt" im Dezember 2025 simuliertes Kriegsspiel ergab, dass Russland mit lediglich 15.000 Soldaten die litauische Stadt Marijampolė einnehmen könnte.
Putins Kalkül: Spaltung der Nato
Das eigentliche Ziel eines solchen Angriffs wäre demnach nicht die Eroberung von Territorium, sondern die politische Zerreißprobe für das Bündnis. Putin wolle die Nato „in Frage stellen" und die USA von ihren europäischen Partnern trennen, zitiert das Blatt Geheimdienstkreise. Besonders heikel: Während eine offene Invasion den Bündnisfall nach Artikel 5 auslösen würde, ist die Reaktion auf hybride Attacken weit weniger klar definiert.
„Es war schon immer ein Ziel Russlands, die Glaubwürdigkeit der Nato infrage zu stellen und die Vereinigten Staaten von ihren Verbündeten zu trennen.“
Sondierungsangriffe: Russland testet bereits
Die Sorge der Geheimdienste wird durch eine Reihe von Vorfällen genährt, die als russische Testballons gewertet werden. Erst Ende Juli schlug ein russischer Marschflugkörper im ostpolnischen Tarnawa-Kolonia ein. Bereits im Mai traf eine russische Drohne ein Wohnhaus im rumänischen Galați und verletzte zwei Menschen. Und am 5. August wurde auf dem Frachtgelände des Flughafens Leipzig/Halle eine mit Militärsprengstoff bestückte Drohne nahe einem ukrainischen Antonow-Flugzeug entdeckt.
US-Geheimdienste ordneten die Leipziger Drohne laut CNN einem russischen Nachrichtendienst zu. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von einem „neuen Bedrohungsszenario" und behandelte den Vorfall als professionelle hybride Bedrohung.
Wachsende Spannungen seit 2025
- 10. September 2025Russische Drohnen in Polen
Nato-Kampfjets schießen mehrere Drohnen über polnischem Luftraum ab.
- 29. Mai 2026Angriff in Rumänien
Eine russische Drohne trifft ein Wohnhaus in Galați, zwei Verletzte.
- 30. Juli 2026Marschflugkörper in Polen
Ein russischer Marschflugkörper schlägt in Tarnawa-Kolonia ein.
- 5.–6. August 2026Sprengdrohne in Leipzig
Am Flughafen Leipzig/Halle wird eine mit Sprengstoff bestückte Drohne nahe einem ukrainischen Flugzeug entdeckt.
- 6. August 2026Litauen warnt
Verteidigungsminister Kaunas nennt Baltikum und Polen als nächstgelegene Ziele.
Schon im Juni enthüllten Satellitenbilder einen massiven Ausbau russischer Militärbasen von Nordnorwegen bis Litauen, wie jux.news berichtete. Auch der britische Premierminister Starmer warnte auf Basis von Geheimdiensten vor einem Angriff auf die Nato bis 2030.
Munitionsdebatte in den USA
Parallel zu den Bedrohungsanalysen ist in Washington eine Kontroverse über die Bestände an Präzisionswaffen entbrannt. Durch die parallelen Kriege in der Ukraine und im Iran sind die US-Arsenale nach Angaben von Beamten deutlich geschrumpft. Besonders knapp seien ballistische Kurzstreckenraketen (ATACMS), Patriot-Abfangraketen und THAAD-Systeme, von denen demnach rund 80 Prozent im Iran-Krieg verbraucht wurden.
„Wir haben alles, was wir brauchen, um zur Zeit und am Ort der Wahl des Präsidenten zuzuschlagen. […] Jeder Gegner, der Medienlärm mit amerikanischer Schwäche verwechselt, wird die Wahrheit auf die harte Tour erfahren.“
Präsident Donald Trump schrieb auf Truth Social: „Die USA haben massive Mengen an Munition. […] Verteidigungsunternehmen bauen die größte Anzahl an Werken und Fabriken in der Geschichte unseres Landes." Auch das Weiße Haus betonte, die Streitkräfte verfügten über mehr als genug Munition.
Nato und Europa rüsten sich
Nato-Militärsprecher Martin O’Donnell wollte sich nicht zu geheimen Berichten äußern, sagte aber laut Fox News: „Die Nato beobachtet die Lage, und wir sind bereit, abzuschrecken und zu verteidigen. Wir denken immer über jede denkbare Anzahl von Szenarien nach und bereiten uns darauf vor."
Im Baltikum wächst die Unruhe. Litauen, Lettland und Estland haben ihre Schutzmaßnahmen für kritische Infrastruktur verstärkt. Bereits im Juni hatte Generalleutnant Christian Freuding, Chef des deutschen Heeres, gewarnt, Russland könne binnen drei Jahren die Fähigkeit zu einem Angriff auf Nato-Länder erlangen. Am 8. August trat der von Bundeskanzler Friedrich Merz geleitete Nationale Sicherheitsrat zu einer Sondersitzung wegen des Leipziger Drohnenvorfalls zusammen.
