Der Aufsichtsratschef des Motorsägenherstellers Stihl, Nikolas Stihl, hält die 35-Stunden-Woche für nicht mehr zeitgemäß und fordert eine längere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. Die IG Metall reagiert empört.
Fast 500.000 Industriearbeitsplätze hat Deutschland laut einer Studie des IW schon verloren. Nun meldet sich ein prominenter Unternehmer mit einer radikalen Forderung zu Wort: Nikolas Stihl, Aufsichtsratschef des Motorsägenweltmarktführers aus Waiblingen, verlangt das Ende der 35-Stunden-Woche.
In einem dpa-Interview am 10. August 2026 sagte der 66-Jährige: „In den guten Zeiten konnte sich Deutschland die 35-Stunden-Woche leisten. Aktuell können wir das nicht mehr. Und die Sozialpartner sollten sich hier ihrer Verantwortung bewusst werden und über das Thema sprechen.“ Wie das manager magazin berichtet, fordert Stihl konkret eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich.
Stihl: „Können uns 35-Stunden-Woche nicht mehr leisten“
„In den guten Zeiten konnte sich Deutschland die 35-Stunden-Woche leisten. Aktuell können wir das nicht mehr. Und die Sozialpartner sollten sich hier ihrer Verantwortung bewusst werden und über das Thema sprechen.“
Nikolas Stihl, Aufsichtsratschef der Stihl-Gruppe
Seine Forderung richtet sich vor allem an die IG Metall. „Weil sie die Zugeständnisse letztendlich machen müsse“, so Stihl. Angesichts von fast 500.000 verlorenen Industriearbeitsplätzen sollte „man nun wirklich alles tun, um die Blutung zu stoppen“. Eine längere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich würde die Kosten schnell senken, argumentierte er.
Stihls Vorstoß reiht sich in eine hitzige Debatte ein, die Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller im Juni neu entfacht hatte. Der frühere BASF-Chef hatte im „Handelsblatt“ die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei gleichem Gehalt angeregt. Markus Söder hatte bereits im Juli eine Stunde Mehrarbeit gefordert und war dafür heftig kritisiert worden.
Brudermüller argumentierte, Arbeit sei in Deutschland zu teuer geworden. „Es gibt zwei Stellschrauben. Entweder Sie kürzen die Gehälter oder es wird länger gearbeitet für das gleiche Gehalt“, sagte er. Ersteres sei unzumutbar.
„Es gibt zwei Stellschrauben. Entweder Sie kürzen die Gehälter oder es wird länger gearbeitet für das gleiche Gehalt.“
Martin Brudermüller, Aufsichtsratschef Mercedes-Benz
Die IG Metall reagierte empört und rief bundesweit zu Protesten bei Mercedes-Benz auf. Auch Stihl rechnet mit heftigem Widerstand und erwartet einen „großen Verlustschmerz“ bei den Gewerkschaften.
Tarifverhandlungen im Herbst – Stihl fürchtet „Verlustschmerz“
Die Tarifgespräche in der Metall- und Elektroindustrie beginnen im Herbst 2026. Stihl prophezeit schwere Verhandlungen: „Die 35-Stunden-Woche wurde mit heftigen Geburtsschmerzen einmal vereinbart.“ Er glaube nicht an eine einfache Tarifrunde.
„Die 35-Stunden-Woche wurde mit heftigen Geburtsschmerzen einmal vereinbart. Und wenn man das Ganze zurückdrehen will, wird der Verlustschmerz sehr groß.“
Nikolas Stihl, Aufsichtsratschef der Stihl-Gruppe
Gleichzeitig übte Stihl scharfe Kritik an der IG-Metall-Zentrale in Frankfurt. „Dort scheinen die Positionen sehr eingefahren und stark von ideologischen Überzeugungen geprägt zu sein“, sagte er der dpa. Basisnahe Gewerkschafter würden die wirtschaftliche Lage dagegen besser verstehen.
„Je näher die Vertreter der IG Metall tatsächlich an der arbeitenden Bevölkerung sind, desto eher verstehen sie die Dinge.“
Nikolas Stihl, Aufsichtsratschef der Stihl-Gruppe
Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist die Zahl der Industriebeschäftigten 2025 auf ein Zehnjahrestief von 6,6 Millionen gesunken. Der Anteil an der Gesamtbeschäftigung fiel von 22 Prozent im Jahr 2014 auf 19 Prozent. Der Lohnvorsprung der Industrie hat sich fast halbiert.
Stihl selbst hat Stellen abgebaut und verlagert
Das Familienunternehmen Stihl, weltbekannt für seine orange-grauen Motorsägen, hatte zuletzt selbst 100 Stellen im Entwicklungszentrum in Waiblingen gestrichen und die Mähroboter-Produktion nach China verlagert. Das Vermögen der Familie Stihl wird auf 7,5 bis 8 Milliarden Euro geschätzt.
Chronologie der Arbeitszeitdebatte
22. Juni 2026
Brudermüller-Vorstoß
Mercedes-Aufsichtsratschef Brudermüller regt im Handelsblatt die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei gleichem Gehalt an.
Juni/Juli 2026
IG-Metall-Proteste
Die IG Metall ruft bundesweit zu Protesten bei Mercedes-Benz auf.
10. August 2026
Stihl-Interview
Nikolas Stihl gibt der dpa ein Interview und fordert das Ende der 35-Stunden-Woche.
Herbst 2026
Tarifverhandlungen
Die Tarifgespräche in der Metall- und Elektroindustrie zwischen Arbeitgebern und IG Metall beginnen.