Deutschland schlittert auf eine Gasmangellage zu. Am 10. August 2026 waren die deutschen Gasspeicher nur noch zu 48,18 Prozent gefüllt – ein Plus von lediglich 0,25 Prozentpunkten zum Vortag, wie die Allgäuer Zeitung meldet. Im Vorjahr lag der Wert zum selben Zeitpunkt bei 62,1 Prozent.
EU-weit sieht es kaum besser aus: Die europäischen Speicher sind zu 58,84 Prozent gefüllt – der niedrigste Stand zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen 2009, wie Daten von Gas Infrastructure Europe belegen, über die Bloomberg berichtete. Damit steuert die EU auf einen Winter mit den geringsten Reserven seit der Energiekrise von 2022 zu.
„Europa insgesamt und Deutschland im Besonderen steuern darauf zu, mit den niedrigsten Gasspeicherreserven seit der Energiekrise von 2022 – und womöglich seit mehr als einem Jahrzehnt – in den Winter zu gehen.“
Die gesetzliche Füllstandsvorgabe schreibt für den 1. November 2026 einen Füllstand von mindestens 70 Prozent (für die meisten Speicher) bzw. 80 Prozent (für bestimmte Speicher wie Rehden) vor. Beim aktuellen Einspeichertempo von rund 0,1 Prozentpunkten pro Tag würde laut der Reichweitenprognose des Fachverbands DVGW zum Stichtag nur rund 60 Prozent erreicht – weit unter dem Ziel.
Ursachen der Gaskrise
Drei Faktoren treiben die Krise: Der anhaltende Iran-Krieg und die faktische Blockade der Straße von Hormus unterbrechen nach Bloomberg-Angaben rund ein Fünftel der weltweiten LNG-Versorgung. Zwar bezieht Deutschland nur etwa sechs Prozent seines Rohöls aus der Region, doch als globaler Markt wirkt sich jedes knappere Angebot auf die Preise in Europa aus.
Gleichzeitig ist die Einspeicherung für Händler unwirtschaftlich: Der Sommer-Winter-Spread ist negativ – wer jetzt Gas kauft, um es später zu verkaufen, macht kaum Gewinn. Viele Händler befürchten, heute teuer eingekauftes Gas später nur mit Verlust verkaufen zu können. Ein Gutachten von Frontier Economics im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums bestätigt, dass die gesetzlichen Füllstandsvorgaben die Preissignale verzerren.
Hinzu kommt die asiatische Konkurrenz: Weil dort die Nachfrage höher ist, ziehen asiatische Käufer Lieferungen aus Europa ab. Laut Internationaler Energieagentur flossen 2025 rund 90 Prozent der LNG-Lieferungen aus dem Nahen Osten nach Asien. Die angespannte Lage auf den globalen Energiemärkten wird durch den Ukraine-Krieg weiter verschärft – wie der Ausfall russischer Raffinerien zeigt, der bereits zu Benzin-Rationierungen führt.
Füllstand der deutschen Gasspeicher am 10. August
Historisch niedrig: Der Wert für 2026 liegt weit unter dem Vorjahr und dem Fünfjahresdurchschnitt.
EU-Importstopp für russisches Gas
Die EU-Staaten haben im Januar 2026 endgültig den vollständigen Import-Stopp von Gas aus Russland beschlossen – gegen die Stimmen Ungarns und der Slowakei. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem „historischen Tag„ und dem „Beginn einer Ära der vollständigen Energieunabhängigkeit Europas von Russland“.
Doch die Realität sieht widersprüchlich aus: Im Juni 2026 importierten die EU-Staaten 14 Prozent mehr LNG aus Russland als ein Jahr zuvor. Frankreichs Hafen Montoir verzeichnete im Juni viermal so viel russisches LNG wie noch im Mai, und Belgien war im Juli 2026 zu hundert Prozent von russischem Flüssiggas abhängig, wie Eurostat-Daten zeigen.
Die Verordnung enthält eine Sicherheitsklausel: Sollte die Versorgungssicherheit eines oder mehrerer Mitgliedstaaten ernsthaft gefährdet sein, kann die EU-Kommission das Einfuhrverbot vorübergehend aussetzen.
Chronologie des EU-Gasimportstopps
- 2. Dezember 2025Einigung auf Importstopp
EU-Kommission, Parlament und Rat einigen sich auf den vollständigen Ausstieg aus russischem Gas bis Ende 2027.
- 26. Januar 2026Ministerrat bestätigt Embargo
Gegen die Stimmen Ungarns und der Slowakei wird der Importstopp besiegelt. Ungarn kündigt Klage vor dem EuGH an.
- 25. April 2026Verbot kurzfristiger LNG-Verträge
LNG-Verträge mit kurzer Laufzeit sind ab sofort nicht mehr erlaubt.
- 1. Januar 2027Verbot langfristiger LNG-Verträge
Auch langfristige LNG-Verträge mit Russland treten außer Kraft.
- 1. November 2027Vollständiger Pipeline-Gas-Stopp
Spätestens bis zu diesem Datum muss der Import von russischem Pipeline-Gas eingestellt werden.
Putins Schattenflotte
Parallel zum EU-Embargo baut Russland heimlich eine LNG-Schattenflotte auf. Nach Analysen des Schifffahrtsdienstleisters Windward verfügte Moskau Mitte Juni 2026 über 23 LNG-Tanker, inzwischen sind es mindestens 25 Schiffe – darunter zehn Neubauten und zwei weitere aus russischer Produktion.
Der Trick: Acht Tanker wurden innerhalb der letzten sechs Monate verkauft und fahren nun unter fremder Flagge. EU-Sanktionen betreffen nur in Russland registrierte Schiffe – ausgeflaggte Schiffe sind nicht betroffen.
„Die Schattenflotte für Öltransporte hatte Vorläufer im Iran und in Venezuela. Doch kein anderes Land hatte zum Zeitpunkt der Verhängung von Sanktionen einen vergleichbaren technologischen Fortschritt erreicht.“
Allerdings: LNG-Tanker sind Spezialschiffe, die Gas bei minus 162 Grad flüssig halten müssen. Ein moderner Tanker kostet rund 300 Millionen Dollar. Przemysław Zaleski, Energie- und Sicherheitsexperte an der TU Breslau, warnt: „Das ist deutlich komplizierter als bei Rohöl."
Gasreserve zu spät, Risiko für den Winter
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant eine staatliche Gasreserve von 24 Milliarden Kilowattstunden (TWh) – weniger als ein Drittel der 78 TWh, die der Branchenverband INES im März 2026 als strategische Resilienzreserve empfohlen hatte. Ein Referentenentwurf wird noch im August 2026 erwartet, die Umsetzung soll bis Jahresende durchs Parlament. Doch der Aufbau der Reserve beginnt frühestens 2027 – für den bevorstehenden Winter spielt sie keine Rolle.
Die Initiative Energien Speichern (INES) hat verschiedene Winter-Szenarien durchgerechnet: Bei einem normalen oder milden Winter könnte ein Füllstand von 76 Prozent zum 1. November ausreichen. In einem Extremwinter hingegen zeigen die Modellierungen Unterdeckungen von bis zu 9 Terawattstunden pro Monat im Februar und März 2027.
„Bei einem außergewöhnlich kalten Winter steigen die Risiken jedoch erheblich.“
Die Bundesnetzagentur stuft die Lage in ihrem am 6. August 2026 aktualisierten Bericht als stabil ein. Eine Sprecherin erklärt: „Der Speicherstand ist niedriger als in den Vorjahren – ungewöhnlich ist er jedoch nicht." Die Behörde betont die Einbettung in den europäischen Binnenmarkt und die diversifizierten Lieferwege.
Winter-Gas-Poker
Das riskante Kalkül der EU setzt darauf, dass die Speicher bis November noch ausreichend gefüllt werden können und dass die LNG-Terminals im Winter halten. Gelingt der Poker nicht, drohen Preisspitzen bei Gas und Strom, im Extremfall sogar Gasmangellagen mit Kontingentierungen für die Industrie.
Auch die Schweiz ist alarmiert: Eine Taskforce aus Bund und Gasbranche tagt nun wöchentlich, wie der Schweizer Rundfunk berichtet. Der Bund schreibt in seinem Lagebericht: „Die Versorgung für den Winter 2026/27 gestaltet sich herausfordernd."
Das nächste INES-Update zur Versorgungslage ist für den 8. September 2026 angekündigt – dann wird klarer, ob die Speicher auf Kurs zum Winterziel liegen.
