Ein massiver Quallenschwarm verstopfte die Kühlwasserpumpen des AKW Gravelines und zwang EDF zur Abschaltung dreier Reaktoren. Der Vorfall hat keine Sicherheitsrelevanz, zeigt aber die wachsende Bedrohung französischer Atomkraftwerke durch Meeresplagen.
In der Nacht zum 11. August 2026 zwang ein massiver Quallenschwarm den französischen Energiekonzern EDF, drei Reaktoren des Atomkraftwerks Gravelines abzuschalten. Die gallertartigen Meerestiere waren in die Kühlwasserpumpen gelangt und hatten die Filtersysteme verstopft, wie n-tv und Reuters übereinstimmend berichten.
Das AKW an der nordfranzösischen Kanalküste, mit sechs Druckwasserreaktoren und 5,4 Gigawatt Gesamtleistung das größte Westeuropas, produzierte danach nur noch einen Bruchteil seiner eigentlichen Strommenge. Reaktor 5 befand sich bereits in planmäßiger Wartung, Reaktor 6 lief unverändert mit voller Leistung weiter. Reaktor 1 wurde vorsorglich auf 50 Prozent gedrosselt, wie aus einer Mitteilung des Konzerns hervorgeht.
EDF betonte, der Vorfall habe keinerlei Auswirkung auf die Sicherheit der Anlage, des Personals oder der Umwelt. Er wurde auf der internationalen INES-Skala mit Stufe 0 – „keine Sicherheitsbedeutung“ – bewertet. Sobald der Kühlwasserdurchfluss einen kritischen Schwellenwert unterschritt, leitete das Kraftwerk automatisch die Abschaltprotokolle ein.
„Im Wesentlichen ist nichts Schädliches passiert. Die Sicherheitssysteme funktionierten wie vorgesehen. Sobald der Kühlwasserstrom einen kritischen Schwellenwert erreichte, setzte das Kraftwerk seine Sicherheitsprotokolle um.“
Gert Van den Eynde, Leiter Reaktorphysik & Sicherheit, SCK CEN
Lehren aus dem Totalausfall 2025
Erst im August 2025 hatte ein ähnlicher Quallenbefall das gesamte Kraftwerk lahmgelegt. Damals waren vier Reaktoren automatisch abgeschaltet worden, und da die übrigen zwei in Wartung waren, stand die Anlage komplett still. Bereits einen Monat später traf es das benachbarte AKW Paluel mit einem Produktionsausfall von 2,4 Gigawatt.
Als Konsequenz installierte EDF neue Präventionssysteme: Fest installierte Kameras an den Einlaufkanälen, eine Partnerschaft mit Fischern und der Seenotrettung sowie gezielte Schleppnetzfischerei bei Quallenalarm. Zusätzlich kommen Saugfahrzeuge zum Einsatz, um eingedrungene Quallen zu entfernen.
Quallen-Alarme in französischen AKWs
August 2025
Gravelines komplett stillgelegt
Vier Reaktoren automatisch abgeschaltet, zwei in Wartung – gesamte Anlage außer Betrieb.
September 2025
Paluel betroffen
Ein Reaktor abgeschaltet, ein weiterer gedrosselt; 2,4 GW Produktionsausfall.
8. August 2026
Erster Alarm vor Gravelines
Fischerboote rücken zum Schleppnetzeinsatz aus, um die Quallendichte zu reduzieren.
10. August 2026, spät
Drei Reaktoren abgeschaltet
Reaktoren 2, 3 und 4 vom Netz; Reaktor 1 auf 50 % Leistung gedrosselt.
11. August 2026
EDF gibt Entwarnung
Keine neuen Quallen treffen ein, Reinigungsarbeiten mit Saugfahrzeugen laufen; baldige Wiederinbetriebnahme erwartet.
Hitzewelle setzt Frankreichs Atomflotte zusätzlich zu
Der Quallen-Vorfall trifft Frankreichs Atomstromproduktion in einer ohnehin angespannten Lage. Am Sonntag, dem 9. August 2026, hatte EDF einen neuen Höchststand hitzebedingter Ausfälle gemeldet: 15,6 Prozent – Rekord in Frankreich. Fünf Reaktoren mussten wegen zu warmer Flüsse ihre Leistung drosseln, vier weitere standen ganz still.
Gravelines: Drastischer Leistungseinbruch
Elektrische Nettoleistung des AKW vor und nach dem Quallenbefall
Quelle: EDF, eigene Berechnung
Weltweit häufen sich solche Vorfälle. Experten machen dafür steigende Meerestemperaturen, Überfischung und die Einschleppung invasiver Arten verantwortlich. 2013 legten Quallen das schwedische AKW Oskarshamn lahm, 1999 ein japanisches. EDF-Ingenieure rechnen nun mit einer raschen Wiederinbetriebnahme der Gravelines-Reaktoren.