79.800 Kindeswohlgefährdungen – Jugendämter melden vierten Höchststand in Folge
Rund 79.800 Kinder und Jugendliche waren 2025 akut gefährdet – zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders erschreckend: In drei von vier Fällen ging die Gefahr von den eigenen Eltern aus.
79.800 Kinder und Jugendliche waren 2025 in Deutschland akut gefährdet – durch Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt. Das Statistische Bundesamt meldet damit den vierten Höchststand in Folge.
Die Jugendämter stellten bei rund 79.800 Minderjährigen eine Kindeswohlgefährdung fest. Das sind zehn Prozent oder knapp 7.000 Fälle mehr als im Vorjahr. Seit Beginn der Zählung im Jahr 2012 hat sich die Zahl von damals rund 38.300 mehr als verdoppelt.
Noch stärker stieg die Zahl der Verdachtsmeldungen: Fast 268.300 Hinweise prüften die Behörden 2025 – ein Plus von zwölf Prozent. Wie die tagesschau berichtet, erreichte auch diese Zahl einen neuen Höchststand.
Die Entwicklung seit 2012
Kindeswohlgefährdungen in Deutschland
Festgestellte Fälle pro Jahr
Quelle: Statistisches Bundesamt
Seit 2012 haben die Kindeswohlgefährdungen – mit Ausnahme der Jahre 2017 und 2021 – kontinuierlich zugenommen. Der Anstieg 2025 markiert den vierten Höchststand in Folge. Auch bei den Verdachtsmeldungen zeigt die Kurve steil nach oben.
Was die Jugendämter feststellten
Am häufigsten stellten die Behörden Anzeichen von Vernachlässigung fest – in 58 Prozent aller Fälle. Dahinter folgten psychische Misshandlungen (38 Prozent) und körperliche Misshandlungen (29 Prozent). Hinweise auf sexuelle Gewalt fanden die Fachleute in 5 Prozent der geprüften Fälle.
Alle vier Gefährdungsarten nahmen im Vergleich zum Vorjahr zu. Das größte Plus verzeichneten die Statistiker bei Vernachlässigungen mit rund 3.950 zusätzlichen Nennungen und bei psychischen Misshandlungen mit plus 3.250. Ein Viertel der betroffenen Kinder (25 Prozent) wies Anzeichen für gleich mehrere Gefährdungsarten auf – zehn Jahre zuvor lag dieser Anteil noch bei 16 Prozent.
In 74 Prozent aller Fälle ging die Kindeswohlgefährdung ausschließlich oder hauptsächlich von der Mutter oder dem Vater aus. In 4 Prozent war ein Stiefelternteil oder eine neue Partnerin beziehungsweise ein neuer Partner beteiligt, in 5 Prozent eine andere Person. In 9 Prozent waren mehrere Personen beteiligt, in 7 Prozent blieb unklar, von wem die Gefahr ausging.
Wer betroffen ist
Rund jedes zweite betroffene Kind (51 Prozent) war höchstens acht Jahre alt, etwa jedes vierte (26 Prozent) maximal vier Jahre. Im Schnitt waren die Kinder 8,5 Jahre alt. Zum gewöhnlichen Aufenthaltsort: 40 Prozent lebten bei beiden Eltern gemeinsam, 37 Prozent bei einem alleinerziehenden Elternteil.
14 Prozent lebten bei einem Elternteil in neuer Partnerschaft, 9 Prozent in einem Heim, bei Verwandten oder an einem anderen Ort. In 43 Prozent aller Fälle nahmen die Kinder oder Jugendlichen zum Zeitpunkt der Gefährdungseinschätzung bereits eine Leistung der Jugendhilfe in Anspruch. In etwa jedem vierten Fall (27 Prozent) war innerhalb des Jahres schon eine Gefährdungsmeldung zu dem Kind eingegangen.
Was Jugendämter und Gerichte tun
Zur Beendigung der Gefährdungssituation wurde in 91 Prozent der Fälle im Anschluss eine Hilfe oder Schutzmaßnahme vereinbart. In 18 Prozent der Kindeswohlgefährdungen riefen die Jugendämter das Familiengericht an – üblicherweise dann, wenn Eltern nicht bereit oder in der Lage sind, die Gefahr selbst oder mit angebotenen Hilfen abzuwenden.
Die meisten Hinweise kamen von Polizei und Justiz (30 Prozent) sowie aus der Bevölkerung – von Verwandten, Bekannten, Nachbarn oder anonymen Hinweisgebern (22 Prozent). Dahinter folgten Schulen und Kindertagesbetreuung (16 Prozent) und die Kinder-, Jugend- und Erziehungshilfe (12 Prozent). Nur in knapp einem Zehntel der Fälle meldeten die Betroffenen selbst oder ihre Eltern den Verdacht.
Warum die Zahlen steigen
Die Statistiker betonen, dass der Anstieg nicht zwingend nur auf eine tatsächliche Zunahme der Gefährdungsfälle zurückgeht. Als weitere Gründe nennen sie eine höhere Wachsamkeit und Anzeigebereitschaft beim Thema Kinderschutz, Verbesserungen in der Kooperation und Qualifizierung der Fachkräfte sowie gesetzliche Neuerungen.
Methodisch handelt es sich um eine Hellfeld-Statistik: Erfasst werden nur die Verdachtsfälle, die den Behörden bekannt gemacht wurden. Das Dunkelfeld – unerkannt gebliebene Fälle – bildet die Statistik nicht ab. Dass die seelische Belastung von Kindern insgesamt steigt, zeigt auch eine aktuelle Auswertung, nach der jeder vierte Schüler psychisch auffällig ist.
Entgegen dem Anstieg der Kindeswohlgefährdungen hatte das Statistische Bundesamt bereits im Juli 2026 sinkende Inobhutnahmen gemeldet: Sie gingen 2025 um 18 Prozent auf rund 56.900 zurück. Grund war vor allem die nahezu halbierte Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge.