Dem deutschen 100-Meter-Rekordler Owen Ansah droht eine vierjährige Sperre – obwohl kein positiver Dopingtest vorliegt. Die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) wirft ihm vor, am 9. Juli 2026 eine unangekündigte Dopingkontrolle nicht ordnungsgemäß ermöglicht zu haben. Am 14. August stellt sich Diskus-Olympiasieger Robert Harting klar hinter den Sprinter und erhebt schwere Vorwürfe gegen die NADA.
Harting hält einen organisatorischen Fehler des Kontrolleurs für möglich. „Der zuständige Kontrolleur der NADA könnte durch weitere anstehende Kontrollen anderer Athleten unter Zeitdruck geraten sein, weswegen er Ansah nicht zum Flughafen begleiten wollte“, mutmaßt Harting laut n-tv. Fakt sei, dass Ansah eine Kontrolle am Flughafen angeboten habe. Damit sei „eine Verweigerung vom Tisch“.
Hartings Intervention
Der Olympiasieger von 2012 erklärt unmissverständlich: „Owen hat zu keinem Zeitpunkt eine Dopingkontrolle verweigert.“ Er betont, dass NADA und Kontrolleure nicht frei von Fehlern seien. Aus seiner eigenen Karriere berichtet er von mindestens zwei Kontrolleuren, bei denen er Verfahrensaufklärung habe leisten müssen. Er habe mehrfach Protokolle korrigieren müssen, „weil der Kontrolleur sich im Kommentarfeld selber schützen wollte“.
Zudem sagt Harting: „Mindestens einen Kontrolleur habe ich privat mit Athleten abhängen, soziale Kontakte pflegen und seltsame Absprachen machen sehen.“ Sein Fazit: „Die NADA ist nicht fehlerlos. Auch Kontrolleure können Verfahrensfehler machen.“ Für ihn steht fest: „Ansah ist sauber.“
Seine zentrale Forderung: „Die NADA muss das Verfahren gegen Ansah einstellen und akzeptieren, dass der Fehler bei ihnen liegt.“ Ansah habe zu keinem Zeitpunkt eine Dopingkontrolle verweigert, so Harting. Die NADA solle sich auf echte Dopingsünder konzentrieren.
Ansahs Version
Ansah bestreitet die Verweigerung. Nach seiner Darstellung stand er am 9. Juli unter Zeitdruck, weil er als kurzfristig nachgerückter Starter zum Diamond-League-Meeting nach Monaco abreisen wollte. Zudem habe er kurz vor dem Besuch des Kontrolleurs die Toilette benutzt und deshalb so schnell keine Urinprobe abgeben können. Der Kontrolleur sei außerhalb des im ADAMS-System angegebenen Zeitfensters erschienen.
Der Tester habe ihm aber nicht angeboten, mit zum Flughafen zu kommen, und ihn auch nicht auf die harten Konsequenzen hingewiesen, sagt Ansah der WELT. Stattdessen habe der Kontrolleur ihm „noch viel Glück in Monaco“ gewünscht. In Monaco wurde Ansah im Rahmen des Wettkampfs von der WADA getestet, drei Tage später erneut von der NADA – beide Tests negativ. Sein Anwalt Tarek Cherkeh betont: „Unser Mandant Owen Ansah hat sich zu keinem Zeitpunkt geweigert, eine Dopingkontrolle durchzuführen.“
Chronologie des Dopingfalls
- Juni 2026Deutscher Rekord
Owen Ansah läuft in Regensburg mit 9,98 Sekunden deutschen Rekord über 100 Meter.
- 9. Juli 2026Verpasste Kontrolle
Unangekündigte Dopingkontrolle bei Ansah; nach NADA-Darstellung wird keine Probe abgegeben. Ansah reist nach Monaco.
- 10. Juli 2026Negative Tests
Ansah wird in Monaco von der WADA getestet, drei Tage später erneut von der NADA – beide negativ.
- 21. Juli 2026Ermittlungen bekannt
Die NADA-Ermittlungen gegen Ansah werden öffentlich.
- 7. August 2026NADA fordert vier Jahre
Die NADA schlägt offiziell eine vierjährige Sperre für Ansah vor.
- 11. August 2026EM-Bronze
Ansah gewinnt bei der EM in Birmingham Bronze über 100 Meter in 10,19 Sekunden.
- 14. August 2026Harting unterstützt Ansah
Robert Harting stellt sich hinter Ansah und fordert die Einstellung des Verfahrens.
EM-Erfolg unter Druck
Trotz des schwebenden Verfahrens trat Ansah bei der Leichtathletik-EM in Birmingham an – es gab keine vorläufige Suspendierung. Am Dienstag, 11. August, gewann er über 100 Meter in 10,19 Sekunden Bronze. Es war die erste deutsche EM-Medaille über 100 Meter der Männer seit 1986, als Steffen Bringmann Silber für die DDR holte.
Über 200 Meter erreichte Ansah am Freitagabend mit der Halbfinal-Bestzeit von 20,04 Sekunden das Finale. Auf einen Start in den deutschen Sprint-Staffeln verzichtete der DLV vorsorglich, damit mögliche nachträgliche Disqualifikationen nur Ansah selbst treffen. Wird Ansah gesperrt, würden alle Ergebnisse ab dem 9. Juli – und damit auch die EM-Medaille – aberkannt.
Stimmen und Ausblick
Der frühere Zehnkämpfer und ARD-Experte Frank Busemann blickt kritisch auf Ansahs Verhalten: „Das war eine Leichtsinnigkeit, als Profi-Athlet musst du das wissen.“ Für ihn sind die Regularien klar: „Wenn der Kontrolleur da war, Blickkontakt hatte, gesagt hat, wir machen jetzt eine Doping-Kontrolle und es wird keine Doping-Kontrolle abgegeben, ist das eine nicht abgegebene Doping-Kontrolle.“ Doping-Experte Fritz Sörgel schätzt die Chancen Ansahs, ohne Strafe aus dem Verfahren zu kommen, als gering ein.
Hammerwerfer Merlin Hummel zollt Ansah Respekt: „Was er da gerade gemacht hat, unfassbar mit diesem ganzen Druck. Also ziehe ich meinen Hut davor.“ DLV-Teamkapitänin Gina Lückenkemper sagt, Owen gehe das Ganze richtig an, „indem er sich halt einfach auf sich und diesen Wettkampf konzentriert und alles andere erst mal versucht, auszublenden“.
Als Präzedenzfall gilt die tschechische Tennisspielerin Marketa Vondrousova, die nach einem verweigerten Dopingtest im Dezember 2025 für vier Jahre gesperrt wurde.
Ansah hat nach dem NADA-Vorschlag eine Frist von 20 Tagen, die Feststellungen zu akzeptieren oder die Einleitung eines Disziplinarverfahrens beim Deutschen Sportschiedsgericht (DIS) zu verlangen. Akzeptierte er die Entscheidung, würde sich die Sperre auf drei Jahre reduzieren – sein Anwalt kündigte aber bereits an, den Vorschlag abzulehnen. Damit kommt es voraussichtlich zum DIS-Verfahren, möglich wäre später auch der Internationale Sportgerichtshof CAS. Eine mehrjährige Sperre würde Ansah WM 2027 und Olympia 2028 kosten.
