US-KI-Firma schreddert Millionen Bücher für KI-Training
Bild: KI-generiert
Urheberrecht

US-KI-Firma schreddert Millionen Bücher für KI-Training

Deutsche Antiquare melden auffällige Massenbestellungen gebrauchter Bücher. Dahinter steckt Anthropic: Das US-Unternehmen scannt und zerstört die Bücher für sein KI-Training – Autoren erhalten 1,5 Milliarden Dollar.

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Millionen gebrauchter Bücher landen derzeit bei US-KI-Firmen – und werden nach dem Scannen geschreddert. Deutsche Antiquare berichten von auffälligen Massenbestellungen, wie n-tv am 16. August meldet.

Markus Brandis, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Antiquare, bestätigt: Innerhalb weniger Monate erzielten einzelne Antiquariate sechsstellige Gewinne mit Ladenhütern. Die Bestellungen gingen meist nachts ein, die Auftraggeber kamen oft aus Nordamerika. Kurzfristig belebt das das Geschäft, langfristig spricht Brandis von „Barbarei“.

Das ist schon bemerkenswert.
Markus Brandis, Vorsitzender Verband deutscher Antiquare

Project Panama: Buchrücken abtrennen, Seiten recyceln

Hinter den Käufen steckt das US-Unternehmen Anthropic. In einem internen Dokument des Projekts „Project Panama“ heißt es laut fr.de: „Project Panama ist unser Vorhaben, alle Bücher der Welt destruktiv zu scannen.“ Dafür werden Buchrücken abgetrennt, die Seiten einzeln geschnitten und maschinell erfasst.

Anthropic kaufte jeweils Zehntausende Bücher bei Anbietern wie Better World Books und World of Books. Ein Dienstleister sollte binnen sechs Monaten 500.000 bis 2 Millionen Bücher digitalisieren. Die Papierreste wurden zu Recyclinganlagen gebracht, etwa für Toilettenpapier oder Kartons. Laut borncity erwarb Anthropic täglich rund 11.000 Bücher.

Warum Bücher – und warum Zerstörung?

Sebastian Schelter, KI-Professor an der TU Berlin, erklärt: Sprachmodelle werden mit riesigen Textmengen trainiert. Nachdem das öffentliche Internet ausgeschöpft war, suchten Firmen gezielt nach Daten, die nicht online verfügbar sind. „Wenn es eine Firma schafft, Zugriff auf bestimmte Daten zu bekommen, die eine andere Firma nicht hat, dann kann das automatisch ein Wettbewerbsvorteil sein“, wird er zitiert.

Kathrin Kessen vom Deutschen Bibliotheksverband erläutert, warum zerstört wird: Ein Buch zerstörungsfrei zu scannen ist aufwendig, schneller und günstiger ist es, die Seiten vom Buchrücken abzutrennen und stapelweise durch Einzugsscanner zu verarbeiten.

Das würden wir in Bibliotheken mit Büchern nie machen.
Kathrin Kessen, Vorstand Deutscher Bibliotheksverband

Urheberrechtsstreit und 1,5-Milliarden-Vergleich

Bekannt wurde Project Panama erst durch eine Sammelklage von Autoren. 2024 reichten Andrea Bartz, Charles Graeber und Kirk Wallace Johnson Klage ein – sie werfen Anthropic vor, Raubkopien für das Training von Claude genutzt zu haben. Im Juli 2026 einigte sich das Unternehmen auf eine Zahlung von 1,5 Milliarden Dollar für rund 500.000 Werke.

Justin Nelson, Hauptanwalt der klagenden Autoren, spricht von der „größten bekannten Urheberrechtsentschädigung der Geschichte“. Anthropic selbst betont, bei keinem Programm zum Datenankauf würden seltene oder antiquarische Bücher zerstört.

Chronologie des Falls

  1. Juni 2021
    LibGen-Download

    Anthropic-Mitgründer Ben Mann lädt laut Gerichtsakten Material aus der „Schattenbibliothek“ LibGen herunter.

  2. Anfang 2024
    Start von Project Panama

    Anthropic beginnt intern mit dem destruktiven Scannen von Büchern.

  3. 2024
    Sammelklage

    Autorengruppe reicht Klage gegen Anthropic ein.

  4. Juni 2025
    Fair-Use-Urteil

    US-Richter William Alsup wertet das Training mit gekauften Büchern als „fair use“ bzw. „Formatwechsel“.

  5. Juli 2026
    Vergleich

    Anthropic einigt sich auf 1,5 Milliarden Dollar für rund 500.000 Werke.

  6. 16. August 2026
    Bericht über Massenbestellungen

    n-tv meldet auffällige Buchbestellungen bei deutschen Antiquaren.

Rechtslage: Formatwechsel statt Kopie

In den USA stufte Richter William Alsup das destruktive Scannen als bloßen Formatwechsel ein – vergleichbar mit dem Umkopieren einer CD auf einen MP3-Player. Für Anthropic war die Vernichtung der Bücher rechtlich also vorteilhaft. In Deutschland dagegen bleibt das Einscannen urheberrechtlich geschützter Bücher grundsätzlich verboten, selbst wenn das Exemplar legal gekauft wurde.

Rechtsanwalt Christian Solmecke betont: Der legale Kauf eines Exemplars genügt zwar für den rechtmäßigen Zugang, eine Vergütung für Urheber ist aber nicht vorgesehen. Zudem müssen Vervielfältigungen gelöscht werden, sobald sie für das KI-Training nicht mehr erforderlich sind – genau hier werde es heikel.

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