12 Stunden täglich für 5 Euro: Sanifair-Reinigungskräfte berichten von Ausbeutung
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Arbeitsmarkt

12 Stunden täglich für 5 Euro: Sanifair-Reinigungskräfte berichten von Ausbeutung

Report Mainz dokumentiert: Reinigungskräfte an Sanifair-Toiletten arbeiten 12 Stunden täglich für rund 5 Euro – weit unter Mindestlohn. Sanifair verweist auf Subunternehmer, Arbeitsrechtler sprechen von strafbarem Betrug.

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Reinigungskräfte an Sanifair-Toiletten auf deutschen Autobahnraststätten arbeiten nach eigenen Angaben zwölf Stunden täglich – sieben Tage die Woche, für rund fünf Euro Stundenlohn. Das berichtet Report Mainz am Dienstag, 18. August 2026, um 21:45 Uhr im Ersten, wie tagesschau.de berichtet.

Die Recherche von Anna Stradinger und Aleksandra van de Pol dokumentiert an mehreren Raststätten bundesweit, dass die Reinigungskräfte dort tatsächlich täglich zwölf Stunden im Einsatz sind. Der tarifliche Mindestlohn für Gebäudereiniger liegt bei 15 Euro pro Stunde.

Stundenlohn bei Sanifair-Reinigung

Vergleich von berichtetem Lohn und tariflichem Mindestlohn

Quelle: Report Mainz, 18.08.2026

Ein Jahr ohne freie Tage: der Fall Anton

Ein Mann aus Bulgarien, den Report Mainz zum Schutz seiner Identität „Anton“ nennt, steht wochenlang mit der Redaktion in Kontakt. In einem Hilferuf schrieb er: „Sie haben keine Ahnung, was wir jeden Tag durchmachen und wie wir gedemütigt werden. Wir werden wie Tiere behandelt. Am Ende werfen sie dich weg wie einen nutzlosen Gegenstand.“

Anton reinigt seit mehr als einem Jahr Sanifair-Toiletten an einer Tank-&-Rast-Anlage – jeden Tag zwölf Stunden. Im Interview sagt er: „Das kann man nicht aushalten. Das ist unmenschlich. Ich habe keine Kraft mehr.“ Obwohl er die Bedingungen unzumutbar findet, müsse er weitermachen: Er wohne in der Unterkunft seines Arbeitgebers und habe Angst, auf der Straße zu landen.

Arbeitsvertrag mit bulgarischem Subunternehmen

Wer an Raststätten der Tank-&-Rast-Gruppe die Toilette nutzt, zahlt einen Euro beim Tochterunternehmen Sanifair und erhält dafür einen Wertbon. Anton arbeitet jedoch nicht direkt für Sanifair, sondern laut Arbeitsvertrag für eine Firma mit Sitz in Bulgarien – ein Subunternehmen, das für Raststättenpächter Sanifair-Toiletten reinigt. In seinem Vertrag ist Anton als freiberuflicher Mitarbeiter und „Gesellschafter“ geführt.

Das ist einfach strafbarer Betrug. Und da wir es hier nicht mit einem Einzelfall zu tun haben, ist es ein Betrug in großem Stil, der eigentlich auch hohe Strafdrohungen auf sich ziehen müsste.
Florian Rödl, Arbeitsrechtler

Arbeitsrechtler Prof. Florian Rödl hält die Vertragsgestaltung für einen Versuch, Mindestlohn und Arbeitszeitgesetz zu umgehen. Er sieht die Verantwortung nicht nur bei dem Subunternehmer und den Raststättenpächtern, sondern auch bei Sanifair beziehungsweise Tank & Rast: Die Unternehmen profitierten wirtschaftlich von einem Geschäftsmodell, das auf „ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen“ beruhe.

Sanifair weist Vorwürfe zurück

Sanifair äußert sich gegenüber Report Mainz nur schriftlich, wie der SWR berichtet. Man nehme die Hinweise ernst, heißt es von der Autobahn Tank-&-Rast-Gruppe. Die Vorwürfe seien jedoch zu pauschal, um sie überprüfen zu können. Die Franchisepartner führten als selbstständige Unternehmer die Sanifair-Standorte in alleiniger Verantwortung, seien aber vertraglich zur Einhaltung gesetzlicher Standards verpflichtet. Man dulde keinerlei rechtswidriges Verhalten.

Um künftig auch Sanifair beziehungsweise Tank & Rast stärker in die Haftung nehmen zu können, fordert der SPD-Bundestagsabgeordnete Jan Dieren eine Nachunternehmerhaftung. Auftraggeber und Unternehmen an der Spitze sollen rechtlich haftbar gemacht werden können. „Das macht solche Geschäftsmodelle deutlich weniger attraktiv“, sagt Dieren.

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Urteil in Koblenz: fünfeinhalb Jahre Haft

Anton hat nach eigenen Angaben vor seiner Zeit bei Sanifair Toiletten in Einkaufszentren gereinigt. Sein damaliger Chef Svetoslav P. wurde am Montag, 17. August 2026, vom Landgericht Koblenz zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt – wegen Steuerhinterziehung, Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt sowie gewerbs- und bandenmäßigem Menschenhandel. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Svetoslav P. stand gemeinsam mit vier Verantwortlichen der Mainzer Firma Terra Cleaner vor Gericht. Der mutmaßliche Sozialversicherungs- und Umsatzsteuerschaden beträgt mehr als zehn Millionen Euro. Die Reinigungskräfte sollen teilweise bis zu 16 Stunden täglich gearbeitet und dafür drei bis fünf Euro pro Stunde erhalten haben.

Insolvenzverwalter Sebastian Netzel beschreibt die sichergestellten Bargeldmengen: „Wir reden da über Berge von Münzen, also das ist so ein bisschen wie Dagobert Duck mit seinem Schwimmbad, da können sie reinhüpfen und schwimmen.“

Über einen Vorarbeiter sei Anton später weitervermittelt worden und schließlich bei einer Sanifair-Anlage gelandet. Ob Sanifair seine Verträge mit Subunternehmen nun überprüft, ließ das Unternehmen offen – die Politik diskutiert bereits über schärfere Gesetze.