Knapp vier Jahre nach den Sprengungen der Nord-Stream-Pipelines hat die Bundesanwaltschaft am Mittwoch, 19. August 2026, einen zweiten Tatverdächtigen festnehmen lassen. Der ukrainische Tauchlehrer Wolodymyr Z. wurde kurz nach sechs Uhr morgens in der kroatischen Küstenstadt Pula von der Polizei gefasst, wie die ZEIT berichtet.
Grundlage der Festnahme war ein Europäischer Haftbefehl des Ermittlungsrichters beim Bundesgerichtshof. Die Bundesanwaltschaft wirft Z. gemeinschaftliches Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, verfassungsfeindliche Sabotage sowie Zerstörung von Bauwerken vor. Nach der Überstellung aus Kroatien soll er dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt werden, der über die Untersuchungshaft entscheidet.
Nach Überzeugung der Ermittler gehörte Z. zu einem siebenköpfigen Kommando, das im Spätsommer 2022 mit der gemieteten Segeljacht „Andromeda“ zu den Gasleitungen in der Ostsee segelte. Bei Tauchgängen in bis zu 80 Metern Tiefe sollen die Täter vier mit Zeitzündern versehene Sprengsätze an den Pipelines befestigt haben, die am 26. September 2022 detonierten und drei der vier Röhren zerstörten.
Die Spur der Andromeda
Laut Haftbefehl soll sich Z. als Taucher an den Tauchgängen zur Anbringung der Sprengsätze beteiligt haben. Auf der „Andromeda“ fanden Ermittler später Spuren der militärisch genutzten Sprengstoffe Hexogen und Oktogen, die auch in den Bomben am Meeresgrund verwendet wurden, wie die tagesschau berichtet.
Z. soll als Ausbilder für Tieftauchgänge an der Tauchschule „Scuba Family“ in Kiew beschäftigt gewesen sein; mehrere Beschuldigte im Fall Nord Stream stehen mit dem Unternehmen in Verbindung. Vor seiner Tauchkarriere war er Soldat in der ukrainischen Armee. Am 8. September 2022 sollen Z. und ein weiterer Beschuldigter auf Rügen in einem Citroën-Lieferwagen mit ukrainischem Kennzeichen zu schnell gefahren und geblitzt worden sein; Urlaubsfotos zeigten den Wagen am Hafenbecken von Wiek in unmittelbarer Nähe der „Andromeda“.
Vom Anschlag zur zweiten Festnahme
- 26. September 2022Sprengung der Pipelines
Drei der vier Röhren von Nord Stream 1 und 2 werden nahe Bornholm zerstört.
- August 2025Erste Festnahme
Der mutmaßliche Kommandoführer Serhij K. wird nahe Rimini in Italien gefasst.
- September 2025Festnahme in Polen
Wolodymyr Z. wird erstmals festgenommen, doch Polen lehnt die Auslieferung ab.
- November 2025Überstellung nach Deutschland
Serhij K. wird nach Deutschland überstellt und kommt in Untersuchungshaft.
- Juni/Juli 2026Anklage gegen Serhij K.
Die Bundesanwaltschaft erhebt Anklage am Oberlandesgericht Hamburg.
- 19. August 2026Zweite Festnahme
Wolodymyr Z. wird in Pula in Kroatien gefasst.
Polen verweigerte die Auslieferung
Es ist bereits die zweite Festnahme von Z. innerhalb eines Jahres. Ende September 2025 war er in Polen gefasst worden, wo er mit seiner Familie lebte, und saß zeitweise in Untersuchungshaft. Ein Warschauer Gericht untersagte jedoch überraschend seine Auslieferung an Deutschland. Der Richter argumentierte, der Angriff auf die Pipelines sei eine militärische Aktion in einem „gerechten Krieg“ gewesen, weshalb für eine Einzelperson keine strafrechtliche Verantwortung bestehe; zugleich stellte er die Zuständigkeit Deutschlands infrage.
Polens Regierungschef Donald Tusk kommentierte, es liege nicht im Interesse Polens, den Mann auszuliefern. Z. kam wieder auf freien Fuß und soll seither in Polen gelebt haben. Die Haltung Warschaus sorgt in Berlin für Unmut. Dass die Stimmung in Polen gegenüber Ukrainern teils angespannt ist, zeigte zuletzt ein Hass-Angriff auf zwei Ukrainer in Posen.
Auslieferung nach Deutschland erwartet
In Kroatien hielt sich Z. offenbar zu Dreharbeiten eines Hollywood-Films über die Nord-Stream-Anschläge auf. Nach Informationen des Rechtsportals LTO führen bei dem fiktionalen Polit-Thriller mit den Hollywoodstars Sean Penn und Adrien Brody der US-Regisseur Doug Liman Regie.
Aufgrund des Europäischen Haftbefehls wird erwartet, dass die Auslieferung nach Deutschland relativ zügig erfolgt. Z. kann sie vor dem Gespanschaftsgericht in Pula bekämpfen; nach kroatischer Rechtslage muss das Verfahren einschließlich einer etwaigen Berufung innerhalb von 60 Tagen abgeschlossen sein. Nach rechtskräftigem Urteil müsste die Übergabe innerhalb von zehn Tagen erfolgen. Anders als Polen hat die Regierung in Zagreb keine Sympathie für die Anschlagsbeteiligten erkennen lassen.
Erster festgenommener Verdächtiger war der frühere ukrainische Offizier Serhij K., der das Kommando nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft koordinierte. Er wurde im August 2025 während eines Familienurlaubs nahe Rimini in Italien gefasst und Ende November 2025 nach Deutschland überstellt; seither sitzt er in Untersuchungshaft. Ende Juni/Anfang Juli 2026 erhob die Bundesanwaltschaft am Oberlandesgericht Hamburg Anklage – unter anderem wegen eines Kriegsverbrechens des Angriffs auf zivile Objekte und weiterer Delikte.
Reaktionen aus Berlin
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte während seiner Sommerreise bei einem Besuch auf der Wartburg, die Festnahme werde „sicherlich nicht die letzte Maßnahme dieser Art“ gewesen sein; man werde die Urheber des Anschlags „zur Rechenschaft ziehen“.
Außenminister Johann Wadephul (CDU) betonte bei einem Besuch in der Schweiz, die deutsche Justiz habe „absolut freie Hand“, und kündigte an, das Vorgehen notfalls auch in der Ukraine zu erläutern.
„Ich kann nur sagen, dass die deutsche Justiz da absolut freie Hand hat. Und ich bin auch jederzeit bereit und in der Lage, das in der Ukraine zu erläutern.“
Die Nord-Stream-Pipelines, die für den Transport von russischem Gas nach Deutschland gebaut worden waren, wurden bei den Anschlägen im September 2022 schwer beschädigt. Zum Tatzeitpunkt waren sie nicht in Betrieb: Russland hatte die Lieferungen durch Nord Stream 1 zuvor gestoppt, Nord Stream 2 ging nie in Betrieb. Die Bundesanwaltschaft vermutet staatliche ukrainische Stellen hinter den Anschlägen; die Generalstaatsanwaltschaft in Kiew weist dies zurück.
