Fast 30 Jahre nach dem tödlichen Drive-by-Shooting auf Tupac Shakur begann am Montag, 17. August 2026, in Las Vegas der Mordprozess gegen Duane „Keefe D“ Davis. Der 63-jährige frühere Anführer der South Side Compton Crips ist der einzige Mensch, der je im Mordfall Shakur angeklagt wurde.
Die Staatsanwaltschaft wirft Davis vor, die Schießerei als Racheakt geplant zu haben. Stunden zuvor hatten Shakur und seine Entourage Davis‘ Neffen Orlando „Baby Lane“ Anderson im MGM Grand Hotel zusammengeschlagen. Davis soll die Waffe an die Männer auf der Rücksitzbank weitergereicht haben.
Als erster Zeuge trat der pensionierte Polizist Garry Dale in den Zeugenstand. Er war es, der Shakur nach den Schüssen am 7. September 1996 als einer der letzten Menschen lebend sprechen konnte.
Tupacs letzte Worte im Krankenwagen
Dale schilderte, dass er und ein Kollege in jener Nacht das schwarze BMW von Marion „Suge“ Knight und Tupac Shakur wegen eines fehlenden hinteren Kennzeichens angehalten, verwarnt und wieder freigelassen hatten. Die Begegnung sei freundlich gewesen; Dale erinnerte sich an ein kurzes Gespräch mit Tupac über dessen große Goldkette.
Rund zehn Minuten später wurden die Beamten zu einer Schießerei gerufen und fanden Sanitäter, die Shakur aus dem Wagen zogen. Dale sprang mit in den Krankenwagen und versuchte während der Fahrt ins Krankenhaus, den schwer verletzten Rapper zum Reden zu bringen.
„Nein, nein, wir kümmern uns darum. So ähnlich.“
Auf seine wiederholte Frage, wer auf ihn geschossen habe, verweigerte Shakur die Antwort. Einen Namen nannte er nicht – „Ich konnte ihn nicht weiter zum Reden bringen“, sagte Dale.
Sechs Tage später, am 13. September 1996, erlag der 25-Jährige seinen Verletzungen. Medien wie die New York Post interpretierten sein Schweigen als Bekenntnis zum Ehrenkodex der Straße: Er habe die Namen seiner Angreifer mit ins Grab genommen.
Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft
In seinem Eröffnungsplädoyer machte der leitende Staatsanwalt Binu Palal deutlich, dass Davis nicht der Schütze gewesen sein soll. „Lassen Sie uns klar sein: Duane Davis hat nicht abgedrückt. Aber er hat die Schießerei als Vergeltung für die Prügelattacke auf seinen Neffen geplant“, zitierte Reuters.
Laut Anklage saß Davis in der Nacht des 7. September 1996 im Beifahrersitz eines weißen Cadillac und reichte die Waffe – eine .40er Glock – an die Männer auf der Rücksitzbank weiter, darunter seinen Neffen Anderson. Bei einem U-Turn zog der Cadillac neben das BMW von Knight und Shakur; die Schüsse trafen Shakur viermal in Brust, Arm und Oberschenkel.
Weil nach dem Recht Nevadas jemand wegen Mordes verurteilt werden kann, ohne selbst den Abzug betätigt zu haben, genügt der Vorwurf, Davis habe die Tat geplant und die Waffe beschafft. Bei einer Verurteilung droht ihm eine lebenslange Haftstrafe.
Die Verteidigung: Fiktion statt Fakten
Davis‘ Verteidiger Michael Sanft nannte die Darstellung der Anklage in seinem Eröffnungsplädoyer „Fiktion“. Nach 30 Jahren hätten die Ermittler kaum Beweise: „Es gibt keine Fakten“, sagte Sanft laut CBS News.
Sanft argumentierte, Davis sei ein Aufschneider, dessen Aussagen und Buch nicht verlässlich seien – er habe sie geäußert, um Aufmerksamkeit und Geld zu erzielen. Davis sei jahrelang nicht angeklagt worden, „weil sie wussten, dass er nur Scheiße redet“, so die Verteidigung.
Zentrales Beweisstück der Anklage sind Davis‘ eigene Worte: ein heimlich aufgenommenes Interview von 2008 mit einer Bundes-Taskforce, weitere Interviews sowie seine 2019 erschienene Autobiografie „Compton Street Legend“. Staatsanwalt Marc DiGiacomo fasste zusammen: „Hätte er beschlossen, nie das Buch zu schreiben, wäre er wahrscheinlich nie wegen des Verbrechens angeklagt worden.“
Weitere Zeugen und der Prozessverlauf
Neben Garry Dale sagten am ersten Tag die Augenzeugin Ingrid Stokes und der frühere Homicide-Detective Brent Becker aus. Stokes berichtete, wie sie mit Freundinnen in einem Auto neben dem Wagen von Knight und Shakur an einer roten Ampel stand, als die Schüsse fielen: „Die Hölle brach los.“
Becker schilderte, dass Knight drei Nächte nach der Tat mit Anwälten zur Befragung erschienen sei und nichts gewusst haben wollte: „Ich dachte, er hat uns belogen“, sagte Becker.
Der Fall Tupac Shakur
- 7. September 1996Drive-by-Shooting auf Tupac Shakur
Tupac Shakur wird nach dem Mike-Tyson-Kampf in Las Vegas angeschossen. Polizist Garry Dale begleitet ihn im Krankenwagen.
- 13. September 1996Tupac Shakur stirbt
Der 25-Jährige erliegt im Krankenhaus seinen Schussverletzungen.
- September 2023Festnahme von Duane Davis
Duane „Keefe D“ Davis wird im Zusammenhang mit dem Mord an Tupac Shakur festgenommen und angeklagt.
- 17. August 2026Erster Verhandlungstag
Eröffnungsplädoyers und Aussage des Ex-Polizisten Garry Dale über Tupacs letzte Worte.
Am zweiten Verhandlungstag zeigte die Anklage Autopsiefotos und ließ die Gerichtsmedizinerin Dr. Lisa Gavin aussagen; die tödliche Kugel sei durch den rechten Achselbereich in einen Lungenflügel eingedrungen.
Der Prozess vor Richterin Carli Kierny im Clark County District Court ist auf bis zu sechs Wochen angelegt; die Anklage plant 35 bis 45 Zeugen. Als möglicher Zeuge gilt auch Marion „Suge“ Knight, der wegen eines anderen Falls eine 28-jährige Haftstrafe verbüßt. Shakurs Familie verfolgte die Eröffnung aus der ersten Reihe.
Ob Davis am Ende verurteilt wird, hängt vor allem davon ab, wie die Geschworenen seine eigenen Worte bewerten.
