Wenige Wochen vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September steht Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) unter schwerem Plagiatsverdacht. Der Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber wirft ihr vor, in ihrer Dissertation von 2005 systematisch fremde Texte übernommen zu haben, ohne die Herkunft ausreichend kenntlich zu machen.
Wie LTO berichtet, dokumentiert Weber in einem 43-seitigen Gutachten 83 „schwerwiegende und werkprägende“ Plagiatsfragmente. Die beanstandeten Passagen reichen vom Dankeswort über die Einleitung bis zum Schlusswort und sogar zum Klappentext.
„Es ist ein dreistes Plagiat, wie ich es in der bundesdeutschen Rechtswissenschaft seit dem Fall Karl-Theodor zu Guttenberg 2011 nicht mehr gesehen habe.“
Was das Gutachten beanstandet
Ein Beispiel stammt aus der Einleitung: Der Satz „Es ist eine Ursehnsucht des Menschen, die Wahrheit über die eigene Herkunft und natürliche Abstammung zu erfahren“ stehe nahezu wortgleich in einem Werk von Andrea Schmidt-Didczuhn aus dem Jahr 1989. Laut Weber fehlen auch die verwendeten Internetquellen im Literaturverzeichnis.
Er beschreibt Badenbergs Vorgehen als „Textbaustein für Textbaustein“. An einer Stelle habe sie in eine übernommene Passage die Worte „meines Erachtens“ eingefügt – für den Gutachter ein Beleg, dass eine fremde Einschätzung bewusst als eigene ausgegeben werden sollte.
Chronologie der Dissertation und der Vorwürfe
- 2005Dissertation eingereicht
Badenberg reicht ihre Arbeit an der Universität zu Köln ein.
- 2006Druckausgabe erscheint
Die Dissertation erscheint im Peter-Lang-Verlag, 184 Seiten.
- 2021-02-22AfD-Einstufung
Das BfV stuft die AfD unter Badenbergs Verantwortung als rechtsextremistischen Verdachtsfall hoch.
- 2023-08Erste Plagiatsvorwürfe
Badenberg versichert im Tagesspiegel-Checkpoint, nach guter wissenschaftlicher Praxis gearbeitet zu haben.
- 2026-08-19Vorwürfe werden öffentlich
Das Portal Nius berichtet zuerst über Webers Gutachten.
- 2026-08-20Uni Köln prüft
Die Universität bestätigt ein standardisiertes Prüfverfahren nach DFG-Regularien.
- 2026-09-20Berlin-Wahl
Badenberg kandidiert in Charlottenburg-Wilmersdorf.
Badenberg weist zurück – und lässt prüfen
Badenberg weist die Vorwürfe nicht ausdrücklich zurück. Sie betont jedoch, die Dissertation sei nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt worden, und habe die Universität zu Köln gebeten, ihre Arbeit unabhängig und umfassend zu prüfen.
„Die Dissertation wurde nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt. Ich habe die Universität zu Köln gebeten, meine Dissertation unabhängig und umfassend zu prüfen. Die wissenschaftliche Bewertung einzelner Fundstellen ist Gegenstand dieses Verfahrens.“
Die Universität zu Köln bestätigte am 20. August, auf Badenbergs Bitte hin zu prüfen – im Rahmen eines standardisierten Verfahrens zur Qualitätssicherung nach den Regularien der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Über Zwischenstände würden keine Auskünfte erteilt.
Experte hält nur ein Drittel der Vorwürfe für überzeugend
Der Luxemburger Jurist und Plagiatsexperte Jochen Zenthöfer hat die 83 Vorwürfe gesichtet und hält nur 32 für überzeugend. Viele Übernahmen seien wörtlich und hätten ausgewiesen werden müssen, 40 Vorwürfe hält er dagegen für nicht überzeugend, elf seien ohne Kenntnis des Originaltextes nicht nachvollziehbar.
Wie der Tagesspiegel berichtet, hält Zenthöfer das Dankeswort nicht für plagiatsfähig und den Klappentext für eine Verlagsentscheidung. Mit solchen Punkten werde Weber an der Uni Köln „ins Leere laufen“. Die Vorwürfe könnten für einen Entzug des Doktorgrades reichen, könnten aber auch als unerheblich bewertet werden.
Rücktrittsforderungen aus der AfD – CDU hält dagegen
Die AfD nutzt den Verdacht für scharfe Angriffe. Marc Vallendar, rechtspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, fordert Badenberg zum Rücktritt auf. Sie solle die Affäre nicht quälend in die Länge ziehen.
Bundestagsabgeordneter Götz Frömming erinnert daran, dass Badenberg beim Bundesamt für Verfassungsschutz maßgeblich an der Einstufung der AfD als rechtsextremistisch beteiligt war. Für eine Justizsenatorin sei ein solcher Verdacht ein No-Go; sollte er sich bestätigen, müsse sie zurücktreten.
Berlins Finanzsenator und CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers stellt sich dagegen hinter die Senatorin. Sie sei eine herausragende Justizsenatorin und habe proaktiv die Uni Köln um Prüfung gebeten – ein Vorgehen, das er ausdrücklich unterstütze.
