Zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnt der Hochschulforscher Ulrich Müller vor einem radikalen Umbau der Hochschulen. Die AfD will den Bologna-Prozess rückabwickeln und Fächer wie Gender Studies abschaffen. Das sagte Müller dem FOCUS online in einem Interview am 21. August.
Müller leitet die politischen Analysen beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Grundlage seiner Warnung ist die Analyse „CHECK – AfD-geprägte Hochschulpolitik in Sachsen-Anhalt“, die das CHE Ende April veröffentlichte. Sie wertet parlamentarische Initiativen der AfD und das im April beschlossene Regierungsprogramm aus.
Die Analyse arbeitet fünf zentrale Positionen heraus: Abschaffung interner Mitspracherechte, Abschaffung moderner Steuerungsinstrumente, ideologische Eingriffe in die Freiheit der Forschung, Abkehr vom Bologna-System und die Relativierung wissenschaftlicher Qualitätsstandards.
Rückkehr zur „Ordinarien-Universität“
Müller warnt vor einem „autoritären Hochschulmodell, dessen Zeit längst vorbei ist“. Das altertümliche Wort „Ordinarius“ verweise auf ein Universitätsverständnis, in dem der Lehrstuhl-Inhaber enorme Machtfülle besaß und Nachwuchswissenschaftler seiner Willkür ausgeliefert waren.
Modernes Hochschulmanagement kombiniere dagegen entscheidungsfähige Hochschulleitungen mit breiter Partizipation – eine „Balance of Power“ aus internem Senat und externem Hochschulrat. Die Pläne der AfD würden diese Balance zerstören.
„Die AfD träumt von einem autoritären Hochschulmodell, dessen Zeit längst vorbei ist.“
Bologna-Rückabwicklung: „Ganz schlechte Idee“
Die AfD will den Bologna-Prozess laut ihrem Regierungsprogramm rückabwickeln. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund nennt ihn „wissenschaftspolitischen Irrsinn“. Müller hält dagegen: Bologna habe heute explizit Kompetenzvermittlung und Praxisorientierung gebracht, das European Credit Transfer System erleichtere internationale Anerkennung und Flexibilität.
Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, dessen Bachelor-Abschluss zuletzt von der Euro-FH bestätigt wurde, treibt diese Abkehr voran. Eine Rückabwicklung würde die Hochschulen „weit in die Vergangenheit zurückkatapultieren“ und die Attraktivität der Studienangebote drastisch minimieren.
„Ganz schlechte Idee.“
Ideologische Eingriffe und Folgen fürs Land
Die AfD will bestimmte Fächer wie Gender Studies sowie Teile der Soziologie und Politikwissenschaften abschaffen und zugleich neue Institute für „kritische Islamforschung“ oder „Klimapolitikfolgen“ schaffen. Müller wirft ihr vor, ungültige Meinungen wissenschaftlich legitimieren zu wollen.
Müller bezeichnet die AfD Sachsen-Anhalt wie die Bundespartei als „wissenschaftsfeindliche Partei“. Erhalte sie eine gestaltende Rolle in der Wissenschaftspolitik, schwäche das die Zukunftsfähigkeit des Landes spürbar und „werde teuer zu stehen kommen“.
AfD in Umfragen zur Landtagswahl Sachsen-Anhalt
Rund 40 Prozent vor der Wahl am 6. September 2026
Was passiert nach der Wahl?
Sollte die AfD die absolute Mehrheit erreichen, könne sie zunächst „durchregieren“ – das Hochschulgesetz anpassen, Verordnungen umgestalten und die Finanzierungslogik ändern. Verletze ein Umbau aber die im Grundgesetz und in der Landesverfassung garantierte Wissenschaftsfreiheit, seien diese Rechte vor Gericht einklagbar.
Als Vorbild nennt Müller US-Universitäten wie Harvard, die sich juristisch erfolgreich gegen die „Gängelei“ von Präsident Donald Trump gewehrt hätten. Im Ernstfall rechnet er mit „einer deutlichen und starken Reaktion der deutschen Wissenschaftswelt“ und bundesweiter Solidarität der Hochschulen.
Der Weg zur Warnung
- Mitte April 2026AfD-Landesparteitag
In Magdeburg beschließt die AfD Sachsen-Anhalt ihr Regierungsprogramm mit den hochschulpolitischen Passagen.
- 30. April 2026CHE veröffentlicht Analyse
Der CHECK „AfD-geprägte Hochschulpolitik in Sachsen-Anhalt“ erscheint und warnt vor einem Rückwärtsgang.
- Mai 2026Medienberichte
News4teachers und dpa berichten über die Analyse und die Warnungen von Ulrich Müller.
- 21. August 2026FOCUS-Interview
FOCUS online veröffentlicht das Interview mit Müller: „Forscher warnt vor Uni-Plan der AfD: ‚Ganz schlechte Idee‘“.
- 6. September 2026Landtagswahl
In Sachsen-Anhalt wird gewählt; die AfD liegt in Umfragen bei rund 40 Prozent.
